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23

Apr

2010

Der Computer löst die "ÖBB-Stimme" Chris Lohner ab

Adieu Chris Lohner: Neue ÖBB-Stimme "Petra" sagt viele Ortsnamen falsch

32 Jahre lang schallte ihre Stimme durch Österreichs Bahnhöfe: Jetzt löst der Computer Chris Lohner ab. Ein schmerzlicher Verlust, denn EDV-Lady "Petra" spricht viele Ortsnamen falsch aus. Bestes Beispiel: Hallein. 

Bericht Kronen Zeitung

Zum 30 Jahr-Jubiläum wurde am  5. Februar 2009  in  Wien am  Praterstern der

Talent-Triebwagen Nr. 4124 037-5 auf  den  Namen  von  Chris  Lohner  getauft. 

Diese  Garnitur  trägt  auch  heute  noch  ihren  Namen  und ist auf dem Wiener 

Schnellbahn Netz im Einsatz.                          Foto: Marcel Manhart im April 2010

 

Der Zug fährt ein. Chris Lohner ist Geschichte. Seit Dezember spricht auf Salzburgs modernsten Bahnhöfen "Petra". Eine Kennerin der Region ist die Computer-Dame aber nicht. Salzburg-Sam wurde zu "Säm", Taxham zu "Täxhäm"…

 

Und auch die Halleiner wünschen sich Chris Lohner zurück, denn "Petra" macht in ihren Bahnhofsansagen die Salinenstadt Hallein zu Hallein. Nur im Zug hören die Bahnfahrer dann noch das vertraute Lohnerische "Nächster Halt, next stop Hallein."

Betonung auf der ersten Silbe
"Das passt mit der Geschichte überhaupt nicht zusammen. Hall bedeutet Salz. Die Endung deutete nur darauf hin, dass wir kleiner als Bad Reichenhall waren", bittet auch Bürgermeister Christian Stöckl die ÖBB um eine Verbesserung. Und Michael Neureiter weiß: "Auf der ältesten Stadtansicht aus 1632 ist die Betonung auf die erste Silbe sogar extra hervorgehoben."

"Petra" ist lernfähig
Bei den ÖBB hat die volltechnisierte "Petra" zum Glück eine eigene Stimmtrainerin. Die Germanistin Susanne Trenkwalder bessert Fehler für Fehler aus. Tücken der Technik, die in den Anfängen von Chris Lohner im Studio eines Wiener Gewölbekellers nicht passiert wären.

Erst auf modernen Bahnhöfen
Vorbei ist das Zeitalter Lohner derzeit erst in Vorarlberg, Tirol und Salzburg. Angeschlossen sind moderne Bahnhöfe, die bereits über die Betriebsführungszentrale in Salzburg abgewickelt werden. "Die persönliche Note geht verloren", ärgern sich Bahnfahrer und trauern den vertrauten Ansagen nach.

Der Talent Triebwagen 4124 037-5 "Chris Lohner"                       Foto: Marcel Manhart

 

Mehr zum Thema:

Siehe auch Blog-Beitrag vom 08. Februar 2009

zum 30 Jahr Jubiläum von Chris Lohner

 

 

UPDATE vom 03. März 2011

Österreichs Bahnfahrer kämpfen für ihre Ansagerin – und gegen den Computer.

Wer im Zürcher Hauptbahnhof in einen Zug nach Innsbruck, Salzburg oder Wien steigt, kann die Stimme nicht überhören. «Sehr geehrte Fahrgäste! Im Namen der ÖBB begrüssen wir Sie im Railjet», ertönt sie aus den Lautsprechern, nach jeder Station: «Der Railjet verfügt über drei Klassen, in denen Sie individuell betreut werden, sowie über ein Railjet-Bistro in der Mitte des Zuges. 80 Bildschirme informieren Sie über Halte und Ankunftszeiten.» Nun kann man über die «individuelle Betreuung» im österreichischen Premiumzug geteilter Meinung sein – die ungeliebten Bistros werden bald zu Speisewagen umgebaut, und die «80 Bildschirme» sind in Wahrheit 58.

Über solche Übertreibungen wollen wir jedoch nobel hinwegsehen und lieber über die Stimme aus dem Lautsprecher reden. Sie gehört Chris Lohner, die in Österreich als Radiosprecherin und TV-Moderatorin zur Legende wurde. Für unvergessliche Fernsehmomente sorgte sie in der Kriminalserie «Kottan ermittelt», als sie den einfältigen Kommissar massregelte. Heute schreibt sie Romane, Lebensratgeber und spielt Theater. Und seit 1979 ist sie in Bahnhofshallen, auf Bahnsteigen und in allen Zügen zu hören. Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) seien damals die erste Bahnverwaltung in Europa gewesen, die mit einer Stimme eine «Corporate Identity» schufen, sagt Lohner, die heute noch Fanpost bekommt: «Die Leute sagen mir:‹Es ist so angenehm, in der Bahn Ihre Stimme zu hören. Wir wissen dann, dass wir zu Hause sind.›»

Flexibilität der künstlichen Stimme
Ginge es nach den ÖBB, würde Lohner bald verstummen. Eine am Computer erzeugte Stimme namens «Petra» sollte sie ersetzen. Seit vergangenem Jahr ist Petra auf den Bahnhöfen in Innsbruck und Salzburg zu hören, in nächster Zeit sollten weitere Stationen entlang der Westbahn folgen. Wels, Linz, vielleicht auch Wien. Die ÖBB lobten die Flexibilität der künstlichen Stimme: Informationen könnten schnell an die Fahrgäste weitergegeben werden, man müsse den Text nur in den Computer eingeben. So einfach aber liessen sich die Fahrgäste «ihre» Chris nicht wegnehmen.

Bereits an ihren ersten Arbeitstagen sorgte Petra für Protest. Die Fahrgäste empfanden die Stimme als unpersönlich, kalt und – (schlimmer geht es nicht mehr) als deutsch! Das ist nicht übertrieben. Auf dem Salzburger Hauptbahnhof sagt die elektronische Petra Züge und Stationen mit hörbar norddeutschem Akzent an. Zu Beginn konnte sie nicht einmal alle Ortsnamen richtig betonen, was gestandene Salzburger zur Weissglut trieb. Protest formierte sich auch im Internet. Die Facebook-Gruppe «Liebe ÖBB – Chris Lohner darf nicht aufs Abstellgleis!» hat über 700 Mitglieder, die «Petra – ab nach Bielefeld!» fordern. Lohner wurde von der ÖBB-Führung über ihre elektronische Konkurrentin gar nicht informiert. Sie sei zwar nicht beleidigt, sagt sie: «Aber wenn man, so wie die ÖBB, immer wieder mal im Schussfeld steht, nimmt man den Kunden doch nicht gerade das weg, was sie gern haben.» Das werde ihr von Fahrgästen immer wieder bestätigt.

Mensch statt Maschine
Mittlerweile wird das von den Bähnlern auch so gesehen. Der Protest der Kunden bewirkt in der Vorstandsetage der ÖBB ein Umdenken. Das Projekt Petra werde nicht ausgedehnt, sagt ÖBB-Sprecher Herbert Ofner zum «Tages-Anzeiger». Auch in Innsbruck und Salzburg soll Computerstimme Petra wieder verstummen, die Umstellung von Maschine auf Mensch könnte allerdings noch dauern. In den kommenden Monaten werden Salzburger und Tiroler die deutsche Aussprache aus den Lautsprechern noch erdulden müssen. Prinzipiell aber habe sich die österreichische Bahn dazu entschlossen, ihre Züge wieder von Menschen ansagen zu lassen, so der ÖBB-Sprecher. Wessen Stimme in Zukunft unter anderem den Railjet aus Zürich ansagen wird, sei zwar noch nicht entschieden, «aber Chris Lohner ist sicher eine Option».

 

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Kommentare: 7
  • #1

    Sabine (Mittwoch, 28 April 2010 13:33)

    Wie schade. Ich werde ihre Stimme vermiesen. Aber anderseits verstehe ich auch die ÖBB, da man zeitgemäß sein und auch jüngere Zielgruppen ansprechen will.

  • #2

    Thomas T. (Mittwoch, 28 April 2010 18:30)

    Mir wird die Stimme auch fehlen, ich kenns ja eigentlich auch nur so.
    Dieser Methode wird für die ÖBB aber auch viel effektiver sein, in einem Interwiew mit Chris Lohner hab ich mal gehört, dass die Aufnahmen ja Wochen dauern. Außerdem muss jede kleine Änderung neu von ihr eingesprochen werden, das wird jetzt auch viel rascher gehen.

  • #3

    fra (Mittwoch, 18 Januar 2012 20:42)

    Na, vielleicht kann die Herstellerfirma der Stimme neben "Petra" auch eine "Chris" erfinden. Chris Lohner wäre dann verewigt. Und: Wäre sicher ein Renner in Österreich.

  • #4

    Allen (Montag, 23 Juli 2012 08:04)

    Worthwhile info. Fortunate me I discovered your web site by accident, I bookmarked it.

  • #5

    John (Montag, 01 Oktober 2012 12:50)

    @ Sabine: Vermissen oder Vermiesen ??????

    ich vermiese mir einen abend wenn ich dummes zeug schreibe aber vermissen werde ich nichts dabei :-)))

  • #6

    Thomas (Mittwoch, 16 Januar 2013 21:50)

    Hoffentlich kommt die Ansage wieder, solche Aussagen sind ja oftmals nur Lippenbekenntnisse.
    Zumindest in München hat der Protest gegen die norddeutschen Ansagen in den neuen S-Bahnen die DB dazu bewogen endlich bairisch gefärbte Ansagen einzuführen, nachdem wir die letzten Jahre der alten Baureihe 420 meist mit menschlichen, aber dafür meist sächsischen Ansagen genervt wurden.

  • #7

    Christian (Montag, 07 Oktober 2013 12:59)

    Tja daraus ist wohl nix geworden... Entweder die Informationen oben waren falsch oder die ÖBB hat sich nochmal umentschieden denn seit einiger Zwit müssen wir Petra in so gut wie jedem Zug und Bahnhof ertragen... und Ortsnamen spricht die nach wie vor häufig falsch aus -.-