"U-Bahn in Zürich – Träume, Projekte, Abstimmungskampf": Eine Sonderausstellung dazu beginnt heute im Tram-Museum Zürich

Seit 1863 in London die erste U-Bahn der Welt eröffnet wurde, wird die Idee eines unterirdischen Verkehrsmittels auch in Zürich immer wieder diskutiert. Eine U-Bahn wurde in Zürich bis heute zwar keine gebaut, Spuren hinterlassen hat die Debatte dennoch. Die Sonderausstellung dokumentiert mit Illustrationen, Plänen, Skizzen und Modellen dieses weitgehend unbekannte Kapitel der Zürcher Verkehrsgeschichte – von phantastischen Träumereien bis zu konkreten Abstimmungsvorlagen. Wir zeigen Ihnen Zürich, wie es nie gebaut wurde.

Die "U-Bahn-Sonderausstellung" im Tram-Museum Zürich startet heute 30. April 2010 

und dauert bis zum 31. Oktober 2010                                             Foto: Marcel Manhart

 

Weshalb fährt das Tram vom Irchel nach Schwamendingen durch einen Tunnel? Dass dieser ein Relikt eines U-Bahn-Projekts ist, wissen viele Zürcherinnen und Zürcher. Doch die Geschichte der U-Bahn-Planungen ist viel älter. Bereits ein Jahr nach der Eröffnung der ersten U-Bahn der Welt tauchten auch in Zürich derartige Ideen auf – wohl bemerkt 18 Jahre vor dem Rösslitram! Visionäre hatten Ideen, die ihrer Zeit weit voraus waren – und weit entfernt davon, je realisiert zu werden. Zeitungsberichte und Pläne erzählen von diesen phantastischen Projekten.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der Verkehr nahm in der Hochkonjunktur stark zu, wurde eine Führung des öffentlichen Verkehrs unter dem Boden erneut zum Thema. Verkehrsplaner und Ingenieure erarbeiteten eine breite Palette von Plänen und Gutachten. Zwei grundsätzliche Haltungen standen sich gegenüber: Soll das bestehende Tramnetz in der Innenstadt in die untere Ebene verlegt, also eine Tiefbahn gebaut werden, oder braucht Zürich eine richtige Untergrundbahn?

Nach einem heftig geführten Abstimmungskampf lehnten die Stadtzürcher Stimmbürger 1962 eine Vorlage für ein Tiefbahn-Projekt klar ab; man wollte kein „Kellertram“, wie die Gegner das Projekt bezeichneten. Darauf setzten sich die Befürworter einer richtigen Untergrundbahn durch; 1973 wurde eine kombinierte U- und S-Bahn-Vorlage vom Kantonalzürcherischen Stimmvolk aber klar verworfen. Das Thema Untergrundbahn war damit bis heute vom Tisch.

Spuren hinterlassen hat die Debatte aber trotzdem: Ganz konkret in Form von Bauwerken wie dem Tramtunnel vom Irchel nach Schwamendingen oder der SZU-Haltestelle unter dem Bahnhofplatz, aber auch in Form von Akten, Skizzen, Plänen und Modellen. Auf diesem reichhaltigen Archivmaterial aufbauend widmet sich die Sonderausstellung diesem bis jetzt noch nicht aufgearbeiteten Aspekt der Zürcher Verkehrsgeschichte.

Strecken- und Situationspläne zeigen, wie und wo die neuen Verkehrsmittel durch die Stadt geführt worden wären. Skizzen und Illustrationen vermitteln, mit welchem Zukunfts- und Technikglauben die damaligen Planer den Verkehr der Zukunft gestalten wollten, und versetzen den Betrachter, die Betrachterin in die 1960er und 1970er Jahre.

Am Schaffhauserplatz zum Beispiel hätten die U-Bahn-Fahrgäste eine weitver-zweigte unterirdische Haltestelle angetroffen. Treppen und Rolltreppen hätten die Passagiere zu der auf verschiedenen Ebenen verkehrenden Untergrundbahn geführt. Unter dem Hauptbahnhof wäre die U-Bahn-Station mit dem sich im Bau befindlichen Shopville verknüpft worden. Doch schon beim Tiefbahnprojekt von 1962 wollte man den Passagieren an den grossen Haltestellen, wie zum Beispiel der Sihlporte, mehr bieten, als einen unterirdischen Verkehrsknotenpunkt: Einkaufen, einen Kaffee trinken, eine Zeitung kaufen und lesend auf die nächste Verbindung warten – lange hätte dies nicht gedauert, denn die Tiefbahn wäre im dichten Takt verkehrt. Auch für Automobilisten sahen die Planer am unterirdischen ÖV viele Vorteile: Ungestört von Tramschienen hätte der Autoverkehr ganz nach dem damaligen Zeitgeist durch die Stadt fliessen können und Parkplätze wären durch die frei gewordenen Verkehrsflächen überall zu finden gewesen.

Ein Film aus dem U-Bahn-Büro lässt die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung in die Stimmung anfangs der 1970er-Jahre eintauchen und zur Veranschaulichung der U- und S-Bahn-Vorlage von 1973 dient ein grosses Originalmodell. Präsentiert wird die Ausstellung passend zum Thema in einem Tram vom Wagentyp „Karpfen“ mit Jahrgang 1960, welches für den Einsatz mit der Tiefbahn geplant und gebaut worden ist. Um auch den Kindern das U-Bahn-Gefühl zu vermitteln, fährt das beliebte Kindertram „Cobralino“ für die Dauer der Sonderausstellung durch einen Tunnel.

Die Ausstellung wird durch ein breit gefächertes Rahmenprogramm begleitet. Im Juni und Anfang Juli finden Fachreferate statt, die das Ausstellungsthema vertiefen und Ausblicke in verwandte Bereiche erlauben. Jeweils am ersten Sonntag des Monats findet eine öffentliche Führung durch die Ausstellung statt. Ausserdem können spezielle Gruppenführungen gebucht werden. Für Schulklassen werden nach den Sommerferien spezielle Workshops angeboten.

Konzipiert wurde die Sonderausstellung unter der Leitung von Esther Germann in Zusammenarbeit mit Ernst Berger und Bruno Gisler. Für die gestalterische Umset-zung ist Fokusform GmbH, David Weisser, verantwortlich. Plakat und Flyer wurden von christ + näpflin gestaltet. Die Aufbauarbeiten wurden von Urs Täschler unter Mithilfe von Michael Isler und Marsha Jäggi ausgeführt. Das Cobralino-Tunnel wurde von Rolf Saladin gebaut. Lisa Gerig drehte den Film durch den Tunnel. Franziska Kreis übernahm das Korrektorat. Die Erarbeitung der Schulklassenworkshops erfolgte durch Sarah Lüssi.

 

Das Tram-Museum Zürich ist jederzeit ein Besuch Wert!                Foto: Marcel Manhart

 

 

 

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