So

01

Aug

2010

Wichtigstes Industriedenkmal in Zürich Oerlikon verschwindet

Die ABB wehrt sich gegen die Verschiebung des MFO-Gebäudes. Deshalb muss der Backsteinbau beim Bahnhof Oerlikon abgerissen werden.

 

Die Pläne haben sich zerschlagen, das ehemalige Verwaltungsgebäude der Maschinenfabrik Oerlikon (MFO) durch eine Verschiebung zu retten. Damit verschwindet das wohl wichtigste Industriedenkmal des Zürcher Quartiers. Das 1889 erstellte Backsteingebäude beim Bahnhof Oerlikon, in dem unter anderem das Restaurant Gleis 9 eingemietet ist, wird abgebrochen. Dies hat das Zürcher Hochbaudepartement gestern mitgeteilt. Dass das Gebäude dem Ausbau des Bahnhofs Oerlikon weichen muss, ist unbestritten und war bereits in den Sonderbauvorschriften zur Entwicklung von Neu-Oerlikon vorgesehen. Die Stadt versuchte, das Haus dennoch zu erhalten. Eine vor drei Jahren ausgearbeitete Studie zeigte, dass das 5600 Tonnen schwere Gebäude durch eine Verschiebung um 63 Meter gerettet werden könnte.

Die Immobiliengesellschaft Swiss Prime Site (SPS) zeigte sich bereit, die 2 Millionen Franken teure Verschiebung vom Boden der ABB auf ein SPS-Areal zu bezahlen und das Haus für 5 Millionen Franken instand zu setzen. Es sah nach einem Happy End aus.


Von Georg Gindely - Tages Anzeiger

Das  markante  MFO-Gebäude  in  Oerlikon  mit  dem  Restaurant  Bistro Bar Gleis 9

                                                                                                    Foto: Marcel Manhart

 

ABB befürchtete Nachteile
Doch dann verlangte plötzlich die ABB als Eigentümerin des Hauses eine Entschädigung von den SBB. Dem Vernehmen nach geht es um 8,5 Millionen Franken. Die SBB weisen die Forderung zurück. Die ABB habe sich in den Sonderbauvorschriften für Zürich-Nord von 1998 verpflichtet, das Gebäude bei einem Ausbau des Bahnhofs entschädigungslos abzubrechen und das Areal altlastenbereinigt zu übergeben, sagt SBB-Sprecher Daniele Pallecchi. «Aus dem Umstand, dass das Gebäude nun versetzt statt abgebrochen werden sollte, lässt sich unserer Ansicht nach kein Entschädigungsanspruch ableiten.»

Die ABB bestreitet, dass der Abbruch entschädigungslos erfolgen müsse. Warum sperrt sich die Firma gegen die Verschiebung? Hätte sie ihre Forderung nicht trotzdem weiter geltend machen können? «Nach der Verschiebung wäre das Gebäude nicht mehr auf unserem Land gestanden, was für unsere Entschädigungsforderung negative Konsequenzen hätte haben können», sagt ABB-Sprecher Lukas Inderfurth. Man habe deshalb den Entscheid der Schätzungskommission abwarten wollen. Dieser steht bis heute aus. Weil die SBB das Areal bereits ab Mai 2012 für den Bahnhofsausbau benötigen, gibt es laut Hochbaudepartement keine andere Möglichkeit mehr, als das Haus abzubrechen.

Enttäuschung im Quartier
Christian Relly, Vizepräsident des Quartiervereins Oerlikon, ist enttäuscht: «Wir bedauern es ausserordentlich, dass das MFO-Gebäude nicht gerettet werden kann.» Der Backsteinbau sei prägend für das Quartier, vor allem auch als Eingangstor zu Neu-Oerlikon.

Von einer Schande spricht Roman Bolt, Inhaber des Restaurants Gleis 9. Nur des Geldes wegen werde eines der wichtigsten Industriedenkmäler der Schweiz geopfert. Zudem gingen durch den Abbruch Arbeitsplätze verloren. «Das Gleis 9 war ein wichtiger Treffpunkt für Neu-Oerlikon.» Er sei enttäuscht, dass der ABB als MFO-Nachfol-gerin nichts daran liege, ihr historisches Erbe zu bewahren. Bolt hofft auf Widerstand aus der Bevölkerung. «Die Verantwortlichen müssen zu spüren bekommen, dass ihr Entscheid falsch ist.»

Auch die Stadt bedauert, dass das MFO-Gebäude verloren ist. «Wir haben uns bis zuletzt für eine Lösung eingesetzt», sagt Urs Spinner, Sprecher des Hochbaudepartements. Eine positive Meldung gebe es dennoch: «Die Verhandlungen mit der ABB über die künftige Nutzung der ABB-Halle 550 in Neu-Oerlikon verlaufen erfreulich.»

 

 

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Das markante Backsteingebäude «Gleis 9» beim Bahnhof Oerlikon wird abgerissen. Die Verschiebung des 120-jährigen Hauses ist nach langem Ringen gescheitert.

Die Stadt Zürich und die beteiligten Parteien bedauern den Abbruch des Oerliker Wahrzeichens zwar. Aber aufgrund der «komplexen rechtlichen Situation und terminlicher Engpässe» sei es nicht gelungen, eine Lösung zu finden.

Unbestritten sei, dass die SBB für den Ausbau des Bahnhofs Oerlikon um die Gleise 7 und 8 mehr Platz brauche, heisst es in einer Mitteilung des städtischen Hochbaudepartementes von heute Freitag. Deshalb müsse das einstige Verwaltungsgebäude der Werkzeug- und Maschinenfabrik Oerlikon (MFO) weichen. Dies sei in den Sonderbauvorschriften Zentrum Zürich Nord so vorgesehen.

Gebäudeverschiebung findet nicht statt
Die Stadt hatte jedoch vor rund drei Jahren in einer Studie aufgezeigt, dass das 5600 Tonnen schwere MFO-Gebäude mit einer Verschiebung um 63 Meter gerettet werden könnte. Die Firma Swiss Prime Site, auf deren Boden das Gebäude zum Teil zu stehen gekommen wäre, hatte sich bereit erklärt, das 120-jährige Backstein-Gebäude als Wahrzeichen der Industriegeschichte Oerlikons zu retten. Sie wollte die Kosten für Verschiebung und Installation am neuen Ort übernehmen.

Im Rahmen des Plangenehmigungsverfahrens durch das Bundesamt für Verkehr machte die ABB als Besitzerin des Gebäudes gegenüber der SBB Entschädigung geltend. Die SBB lehnte dies aufgrund des Rahmenvertrags aus den Sonderbauvorschriften ab.

Trotz «grosser Bemühungen» aller Beteiligten im Verlauf der letzten zwei Jahre habe nun keine Lösung gefunden werden können, wie die Stadt mitteilte. Das Gebäude muss nun abgebrochen und das Areal den SBB bis im Mai 2012 abgetreten werden.

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