Gutes erstes Halbjahr für die SBB – finanzielle Herausforderungen nehmen zu

In sämtlichen Bereichen konnte die SBB ihre Leistungen gegenüber der Vorjahresperiode steigern. Der positive Trend bei der Kundenpünktlichkeit hält an: 88,7% (+0,5%) der Züge erreichten ihr Ziel mit weniger als 3 Minuten Verspätung, und auch die Anschlussvermittlung hat sich verbessert (+0,3%). Nebst der Pünktlichkeit stieg die Zufriedenheit der Kunden ebenfalls in den Bereichen Fahrgastinformation und Angebot/Leistung an. Die Sicherheit befindet sich auf hohem Niveau. Im ersten Halbjahr 2010 konnte die SBB das Konzernergebnis dank Sondereffekten und höherer Gewinne aus Immobilienverkäufen um 24,9% auf CHF 165,9 Mio verbessern. Hingegen erhöhte sich die Verschuldung der SBB, unter anderem wegen der aufgenommenen Darlehen zur Sanierung der Pensionskasse SBB und der Investitionen in neues Rollmaterial. In Anbetracht der grossen finanziellen Herausforderungen, beispielsweise zum Erhalt der Leistungsfähigkeit von Netz und Anlagen sowie zur Beseitigung der dringendsten Netzengpässe, ist die SBB auf zusätzliche Finanzmittel angewiesen.

Volle Fahrt voraus, notfalls auch mit zwei Loks!                             Foto: Marcel Manhart

 

Insgesamt ist die SBB gut unterwegs und weist für das erste Halbjahr 2010 ein gutes Ergebnis aus. Im Periodenvergleich konnte das Konzernergebnis von CHF 132,8 auf CHF 165,9 Mio (+24,9%) gesteigert werden. Wesentlich dazu beigetragen haben gute Ergebnisse im internationalen Personenverkehr und Immobilienbereich sowie – als Sondereffekte – durch den Vulkanausbruch bedingte Mehrverkehre und Fremdwährungseffekte. Entsprechend positiv ausgewirkt haben sich die guten Segmentsergebnisse des Personenverkehrs (+10,3%) und der Immobilien (+131,3%). Bei SBB Cargo blieb der Umsatz trotz deutlich mehr Leistung (+17,5%) unter dem des Vorjahres. Das unbefriedigende Ergebnis von SBB Cargo (-49,5 Mio unter Vorjahr) ist in erster Linie auf den schwachen Euro-Kurs sowie Mehrkosten für den Rollmaterialunterhalt zurückzuführen. Infrastruktur konnte das Resultat dank mehr verkauften Trassenkilometern und Effizienzsteigerungen verbessern. Der Aufwand für den Substanzerhalt des Netzes zur Wahrung qualitativ ansprechender Leistungen zu Gunsten der Kunden steigt weiter an.

Der durchschnittliche Personalbestand inklusive Tochtergesellschaften liegt um 44 Stellen über dem Vorjahr (+0,16%). Der SBB Konzern beschäftigt aktuell 27 954 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Noch mehr Reisende im Personenverkehr, Güterverkehr leicht erholt
In der Berichtsperiode waren erneut mehr Reisende mit der SBB unterwegs. Die Zahl der Reisenden stieg um 3% auf 166,3 Mio – täglich nutzten rund 910 000 Kundinnen und Kunden die rund 7000 Züge des Personenverkehrs der SBB. Der Anstieg basiert auf einer stabilen Inlandnachfrage und einem starken Wachstum im internationalen Personenverkehr. Auch verzeichnet die SBB abermals mehr Stammkunden: Ende Juni 2010 befanden sich 405 000 Generalabonnemente und 2,289 Mio Halbtaxabos im Umlauf. Die Zahl der von den Kunden zurückgelegten Kilometer (Personenkilometer) stieg auf 8 505 Mio (+4,1%). Noch nie wurden im Personenverkehr mehr Reisende und von diesen zurückgelegte Kilometer verzeichnet.

Im Vergleich zum schwierigen Vorjahr hat die Nachfrage im Güterverkehr 2010 wieder angezogen. Insbesondere in der Stahlbranche und im kombinierten Verkehr wurden bessere Werte verzeichnet. Die Zahl der Netto-Tonnenkilometer stieg denn auch um 17,5% auf 6 590 Mio an. Erfreulich entwickelte sich insbesondere der Transitverkehr mit einem Wachstum von 21,6% gegenüber der Vorjahresperiode; die Binnennachfrage legte um 4,5% zu.

Auf dem SBB-Netz legten die Züge – pro Tag sind es insgesamt rund 9000 – etwas mehr Kilometer als im Vorjahr zurück. Der Wert stieg um 1,0% auf 80,6 Mio Trassenkilometer. Der Anstieg im Güterverkehr betrug 2,8%, im Personenverkehr 0,6%.

Erneut ein gutes erstes Halbjahr lieferte Immobilien ab. Das Segmentsergebnis wurde in der Berichtsperiode nach Abzug der Ausgleichszahlungen an die Infrastruktur und den Zins-/Amortisationsleistungen zur Sanierung der Pensionskasse SBB um CHF 36,5 Mio gesteigert (+131,3%). Der Abverkauf von Immobilien sowie gesteigerte Mieterträge trugen zum guten Resultat bei. Das erste Halbjahr war bei Immobilien zudem von grosser Bautätigkeit gekennzeichnet. In verschiedenen Bahnhöfen, beispielsweise in Genf-Cornavin oder im ShopVille Zürich, laufen umfangreiche Arbeiten, welche die Dienstleistungsflächen zu Gunsten der Kunden noch attraktiver machen sollen. In Olten wurde die Modernisierung des Bahnhofs abgeschlossen, demnächst sind die Eröffnungen der umgebauten Bahnhöfe Biel und Aarau geplant.

Wichtige Weichenstellungen für die Zukunft vorgenommen           Foto: Marcel Manhart

Um für die Zukunft gerüstet zu sein, hat die SBB im ersten Halbjahr in allen Bereichen wichtige Weichenstellungen vorgenommen.

  • Im Güterverkehr gründen SBB und Hupac eine gemeinsame, eigenständige Gesellschaft für den alpenquerenden Transitverkehr zwischen Deutschland und Italien. „SBB Cargo International“ strebt auf der Nord–Süd-Achse die Kostenführerschaft an und ist offen für die Aufnahme weiterer Partner. Das Stammhaus SBB Cargo konzentriert sich auf den Binnenverkehr sowie – im Verbund mit anderen Bahnen – auf den Transport von Import- und Exportsendungen. Ziel ist es, diesen Verkehr noch vermehrt auf Branchen und Grosskunden auszurichten und damit die Nähe zum Markt zu verstärken.
  • Mit der Unterzeichnung eines Memorandum of Understanding unterstrichen SBB und Deutsche Bahn (DB) ihre Absicht, die Weiterentwicklung des internationalen Personenverkehrs zwischen der Schweiz und Deutschland gemeinsam voranzutreiben. Mit der Gründung einer neuen gemeinsamen Tochtergesellschaft mit Sitz in der Schweiz soll der erwartete Verkehrszuwachs optimal vermarktet werden. Die SBB soll an der Gesellschaft einen Anteil von 60% halten. Für den per Ende 2014 angepeilten, grenzüberschreitenden Angebotsausbau ist eine moderne und deutlich grössere Fahrzeugflotte erforderlich. Auch sollen dem Bedürfnis der SBB Kundinnen und Kunden entsprechend wieder mehr SBB Züge in das nördliche Nachbarland verkehren, was entsprechende Investitionen der SBB nach sich ziehen wird.
  • Der Preisüberwacher hat die vom Verband öffentlicher Verkehr (VöV) und SBB geplanten Tarifmassnahmen nur teilweise und unter Auflagen bewilligt. Die damit möglichen Mehreinnahmen sind unzureichend, um das heutige ÖV-System nachhaltig finanzieren, die Ziele des Bundesrates erreichen sowie die Vorgaben aus der Leistungsvereinbarung erfüllen zu können. Vor diesem Hintergrund werden die Preise auch in den kommenden Jahren angepasst werden müssen. Andernfalls müsste auf geplante Investitionen – beispielsweise in neues Rollmaterial für den Regional-, Fern- und internationalen Personenverkehr – verzichtet werden.
  • SBB und Versicherte unternahmen grosse Anstrengungen zur Sanierung der Pensionskasse SBB. Bislang flossen über CHF 2,5 Mia in die angestrebte Sanierung. Laut dem vom Bundesrat genehmigten Sanierungskonzept leisten SBB und Versicherte vier Fünftel an die Sanierung; der Bund seinerseits übernähme mit einem Beitrag von CHF 1,148 Mia einen Fünftel. Die SBB ist zuversichtlich, dass das Parlament dem Sanierungsbeitrag des Bundes in der Frühjahrssession 2011 zustimmt.
    Im Bereich der Infrastruktur steht die SBB ebenfalls vor grossen finanziellen Herausforderungen. Die immer intensiver genutzte Infrastruktur erfordert einen grösseren Mitteleinsatz. Wie der Netzaudit der SBB und auch die vom Bund eingeholte Zweitmeinung gezeigt haben, sind künftig für die Erhaltung des heutigen Anlagenzustandes und zum Abbau des in den letzten 15 Jahren aufgelaufenen Nachholbedarfs beim Unterhalt mehrere hundert Millionen Franken pro Jahr zusätzlich notwendig. In der Botschaft zur Leistungsvereinbarung 2011/2012 zwischen Bund und SBB wurde dem ausgewiesenen Mehrbedarf mit einer Erhöhung von jährlich CHF 160 Mio Rechnung getragen.
    Keine Berücksichtigung in der Botschaft zur Leistungsvereinbarung 2011/2012 fanden bislang jene CHF 140 Mio, die zur Beseitigung der dringendsten Netzengpässe und zum Bau des Gateway Limmattal für den kombinierten Verkehr notwendig sind. Ein Verzicht würde sich auf das Angebot resp. für die Kunden negativ auswirken. Die Leistungsvereinbarung 2011/2012 wird in der Herbstsession der eidgenössischen Räte behandelt.

Nur auf einem soliden Fundament sind auch in Zukunft qualitativ hochstehende und weiter ausgebaute Leistungen möglich. Die SBB begrüsst deshalb die vom Bund eingesetzte Arbeitsgruppe, welche Vorschläge zur künftigen Finanzierung des öffentlichen Verkehrs in der Schweiz erarbeiten soll.

Besorgniserregende Entwicklung bei Verschuldung

Das an sich erfreuliche Halbjahresresultat täuscht über die Entwicklung der Verschuldung der SBB hinweg. Aus dem operativen Geschäft resultieren nicht ausreichend Mittel, um damit die notwendigen Investitionen, für welche die SBB selber aufkommen muss, finanzieren zu können. Dadurch wird die Neuaufnahme von Finanzierungen notwendig.

Im ersten Halbjahr 2010 waren vorab die für die Sanierung der Pensionskasse SBB durch das Unternehmen eingeschossenen CHF 938 Mio der Haupttreiber für die höhere Verschuldung. Die SBB rechnet damit, dass die verzinsliche Verschuldung bis 2013 um weitere CHF 1,5 Mia auf rund CHF 9,7 Mia ansteigt.

 

 

 

Stellungnahme SEV: Fingerspitzengefühl in der Personalpolitik gefragt

Angesichts der erneuten Leistungs- und Produktivitätssteigerung der SBB und den kommenden grossen Herausforderungen gibt es bei den Anstellungsbedingungen des Personals absolut keinen Spielraum nach unten.


Einmal mehr hat die SBB ihre Produktivität gesteigert: Der Konzern hat im ersten Halbjahr 2010 im Vergleich zur Vorjahresperiode 4,1% mehr Personenkilometer sowie 17,5% mehr Nettotonnenkilometer produziert und 1,0% mehr Trassenkilometer verkauft – bei gleichem Personalbestand. Verbessert wurden auch die Pünktlichkeit und Kundenzufriedenheit. Diese Spitzenleistung war nur möglich dank motiviertem, pflichtbewusstem Personal.

 

Dessen ausgezeichnete Arbeit hat sich ausser bei Cargo, wo der schwache Eurokurs und höhere Unterhaltskosten das Ergebnis gedrückt haben, auch finanziell ausgezahlt. Daher gibt es bei den Anstellungsbedingungen absolut keinen Spielraum nach unten, sondern das Personal erwartet im Gegenteil eine Belohnung für seine gute Leistung. Von der Unternehmungsleitung ist daher bei den laufenden Verhandlungen über das neue Lohnsystem und den kommenden Lohnverhandlungen Fingerspitzengefühl gefragt. Demotiviertes Personal wäre das Letzte, was die SBB brauchen kann, um die künftigen grossen Herausforderungen zu meistern.

 

Grosse Sorgen bereitet dem SEV weiterhin die Sanierung der Pensionskasse SBB: Die SBB-Mitarbeitenden müssen massive Lohneinbussen und Rentenverluste in Kauf nehmen, um das Loch in der Kasse zu stopfen, das nicht sie zu verschulden haben. Der dafür verantwortliche Bund muss mehr als die vom Bundesrat vorgeschlagenen 1,148 Milliarden an die Sanierung beitragen! Als Eigentümer der SBB kann der Bund auch kein Interesse daran haben, dass das Unternehmen wegen der Pensionskassensanierung zusätzliche Schulden machen muss.

 

 

Die Drohung der SBB: Teurere Billette – oder alte Züge!

Mehr Reisende, mehr GA, mehr Gewinn. Trotzdem jammern die SBB – und machen Druck für weitere Preiserhöhungen.

Seit längerem streiten Andreas Meyer und Stefan Meierhans. Der SBB-Chef will die Preise anheben, der Preisüberwacher ist dagegen.

Jetzt legt Meyer nach. Heute Vormittag präsentiert er in Bern die Halbjahreszahlen der Bundesbahnen – und greift dabei das heikle Thema wieder auf. Der SBB-Chef erinnert daran, dass der Preisüberwacher die geplanten Tariferhöhungen nur teilweise und unter Auflagen bewilligt hat. «Die damit möglichen Mehreinnahmen sind unzureichend», heisst es in der SBB-Mitteilung von heute.

Damit nicht genug. Bereits jetzt weist die Bahn darauf hin, dass die Preise «auch in den kommenden Jahren angepasst werden müssen». Und: «Andernfalls müsste auf geplante Investitionen, etwa in neues Rollmaterial, verzichtet werden.»

Ein offene Drohnung. Blockiert der Preisüberwacher höhere Billettpreise, kaufen die SBB keine neuen Zügen. Die Passagiere müssen in alten Waggons durchs Land fahren. Konkret ist in der Mitteilung von Rollmaterial «für den Regional-, Fern- und internationalen Personenverkehr» die Rede.

Dabei läuft es den SBB prächtig. Im ersten Halbjahr stieg die Zahl der Reisenden erneut – um 3 Prozent auf über 166 Millionen. Die zurückgelegten Personenkilometer erhöhten sich sogar um 4,1 Prozent. Stark zugelegt hat vor allem der internationale Verkehr. Auch der Vulkanausbruch auf Island half den SBB, weil der Flugverkehr über Tage lahmgelegt war.

Auch die Erfolgsgeschichte des Generalabonnements geht weiter. Per Ende Juni befanden sich 405´000 GA im Umlauf – fast 5000 mehr als noch Ende 2009. Die Zahl der Halbtax-Abos liegt aktuell bei 2,289 Millionen.

Unter dem Strich verdienten die SBB von Januar bis Juni fast 166 Millionen Franken, rund ein Viertel mehr als im Vorjahr. Das Plus ist allerdings vor allem Immobilienverkäufen zu verdanken. Gleichzeitig hat sich der Staatsbetrieb weiter verschuldet, unter anderem weil er zur Sanierung der Pensionskasse Darlehen aufnehmen musste. Die SBB selber bezeichnen die Schuldensituation als «besorgniserregend»

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