Do

09

Sep

2010

Der DB ICE 3 soll schon zu Olympia 2012 nach London fahren

Die Deutsche Bahn plant den ICE-Verkehr von Frankfurt über Köln und durch den Eurotunnel nach London bereits zu den Olympischen Spielen 2012. Die britische Eisenbahnergewerkschaft RMT läuft inzwischen Sturm gegen die im Oktober anberaumten Testfahrten der DB durch den Kanaltunnel.

 

Bericht DMM - Der Mobilitätsmanager 

ICE-Züge bald auf dem Weg nach London?                                    Foto: Marcel Manhart

 

Eurotunnel als Betreiber des Tunnels hat die bevorstehenden Tests bestätigt, allerdings müsste die Channel Tunnel Intergovernmental Commission (IGC) die Sicherheitsbedingungen entscheiden. Mit exakt diesen Bestimmungen argumentiert die „National Union of Rail, Maritime and Transport Workers“ (RMT).

Die Gewerkschaft warnt, dass die für Oktober 2010 geplanten Tests der Deutschen Bahn, mit ICE 3 M (Mehrstromsystem ICE 3, wie sie u.a. nach Amsterdam und Paris verkehren) durch den Kanaltunnel zu fahren, die Verwässerung von Sicherheitsstandards einleiten könne. RMT General Sekretär Bob Crow spricht sogar von einem Skandal mit unabsehbaren Folgen und einem EU-Diktat, wenn die DB die Genehmigung zum Durchqueren des Eurotunnels erhalten sollte.

 

Die momentanen Sicherheitsbestimmungen sehen vor, dass Züge, die den Kanaltunnel durchqueren wollen, mindestens 375 m lang sein müssen. Außerdem müssen sie feuersichere Türen zwischen den Waggons haben. Ferner kritisiert RMT, dass die ICE 3 nicht zum Tunnel-Fluchtsystem passen.

Im Grunde genommen geht es der RMT darum, ihre Eurostar-Züge lieber nach Deutschland zu schicken als deutsche ICE nach Großbritannien fahren zu lassen. Die in Gelb-Lichtgrau gehaltenen Eurostar-Züge wurden vom französischen Bahnbauer Alstom auf der Basis des TGV Atlantique entwickelt. Ursprünglich und so lange auf britischer Seite die Hochgeschwindigkeitsstrecke HS1 noch nicht fertig gebaut war, konnten die Züge sowohl Fahrstrom aus seitlich neben dem Gleis montierten Stromschienen als auch aus Oberleitungen verwenden, wobei bei letzteren unterschiedliche Spannungen möglich sind (1,5 und 3 kV Gleichspannung sowie 25 kV, 50 Hz Wechselstrom). Höhe und Breite der Züge mussten an das kleinere Lichtraumprofil auf den britischen Strecken angepasst werden. Die Eurostar sind maximal 2,80 Meter breit.

Auf der HS1 gilt aber auch das in Europa übliche Lichtraumprofil, weshalb auch ICE fahren dürften.

Den besonderen Sicherheitsanforderungen für den Verkehr durch den Kanaltunnel wurde durch besondere Brandschutzeinrichtungen wie Brandschutztüren zwischen einzelnen Wagen Rechnung getragen. Die Hochgeschwindigkeitszüge sind mit den Zugsicherungs- und Signalisierungssystemen der drei befahrenen Länder (Frankreich, Belgien, Großbritannien) ausgerüstet: AWS und TPWS für Großbritannien, KVB, TVM und Crocodile für Frankreich und TBL und ebenfalls Crocodile für Belgien.

Die Eurostar bestehen – wie die TGV und der deutsche ICE 1 – aus je einem Triebkopf an beiden Enden des Zuges, aber mit 18 bzw. 14 Mittelwagen. Die Einheiten mit 18 Wagen werden „Three Capitals“ (Drei Hauptstädte) genannt (sie verbinden Paris, Brüssel und London miteinander), die kürzeren „North of London“ (NoL – Nördlich von London). Bei einem Schaden in einem Triebkopf sollte der Zug geteilt oder von dem defekten Triebkopf abgetrennt und von dem Triebkopf am anderen Ende aus dem Tunnel gezogen werden können. Die „Three Capitals“ sind 394 m lang, wiegen insgesamt 815 Tonnen und bieten 794 Sitzplätze. Von den 27 „Three Capitals“-Einheiten, die zwischen London, Paris und Brüssel eingesetzt werden sollten, befinden sich zwölf im Eigentum der SNCF, elf gehören Eurostar UK und vier der SNCB.

Bei einer Einfachgarnitur des ICE 3M beträgt die Länge exakt 200 Meter. Wenn es nur an der Zuglänge läge, könnte die DB auch ihre ICE 1-Garnituren auf die Strecke schicken. Die sind mit 357,90 m bei zwölf Zwischenwagen fast so lang wie ein Three-Capital-Eurostar und mit 14 Zwischenwagen sogar länger (410,70 m).

Eine Doppeleinheit ICE 3 wäre ebenfalls rund 400 m lang.

Crow ist offensichtlich auch ein Dorn im Auge, dass die DB als möglicher künftiger Betreiber von Englands erster und bis dato einziger Hochgeschwindigkeitsstrecke HS1 Folkestone – London mitbieten will, um 2012 Züge nach London zur Olympiade anbieten zu können. Nach DMM-Informationen will die DB AG mit ihren dann nagelneuen Mehrstromsystem-ICE Velaro D (Reihe 407) London ansteuern. Geschäftsreisende kämen binnen knapp vier Stunden von Frankfurt in die britische Metropole.

Der Gewerkschafts-Boss wertet das Vorhaben der Deutschen Bahn als klares Signal dafür, dass die Liberalisierung des europäischen Eisenbahnmarkts offensichtlich Vorrang vor der Sicherheit (im Kanaltunnel) und den Bedürfnissen des Eurostar-Bahnpersonals haben soll. Sollte die britische Regierung (Conservative – Liberal Democrat Coalition Agreement) bei dieser „Schandtat mitmachen, wäre dies ein Beweis für ihre absolute Unfähigkeit, schließt der Gewerkschaftler im scharfen Ton.

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