Schwacher Euro setzt Schweizer Güterbahnen unter Druck

Die massive Aufwertung des Schweizer Frankens führt bei den Schweizer Schienengüterverkehrsunternehmen zu hohen Ertragseinbussen. Die Euro-Schwäche gefährdet die Wettbewerbsfähigkeit der bereits durch die Wirtschaftskrise stark belasteten Branche und droht die Verlagerungspolitik zurückzuwerfen. Von der Politik erwartet der VöV deshalb, dass bei einem Stützungsprogramm für die Schweizer Wirtschaft auch der Schienengüterverkehr berücksichtigt wird.

 

Medienmitteilung VÖV - Verband öffentlicher Verkehr 

                                                                         Foto: VÖV - Verband öffentlicher Verkehr

 

Bereits in den Jahren 2008 und 2009 setzte die internationale Wirtschaftskrise den Schienengüterverkehr und speziell den in der Schweiz tätigen Schienengüterverkehrsunternehmen mit gravierenden Nachfrageeinbrüchen stark zu. Nun ergibt sich mit der starken Aufwertung des Schweizer Frankens gegenüber dem Euro eine neue, schwerwiegende Herausforderung. Die Leistungen der Schweizer Bahnen im internationalen Transitgüterverkehr durch die Schweiz stellen seit jeher eine exportorientierte Dienstleistung mit einem hohen Schweizer Wertschöpfungsanteil dar. Die grossen Kostenblöcke – Aufwendungen für Personal, Lokomotiven, Unterhalt und Infrastrukturbenützung – fallen bei den Bahnen in Schweizer Franken an. Demgegenüber können sie ihre Dienstleistung am Markt bei den direkten Kunden, der verladenden Wirtschaft in den benachbarten Ländern sowie bei den Partnerbahnen, nur in Euro verkaufen. Der Euro ist die Leitwährung in der europäischen Transportbranche.

 

Währungsbedingter Ertragsrückgang von über 15 Prozent
Mit dem im vergangenen Jahr stark gesunkenen Eurokurs gegenüber dem Franken hat sich die Entwicklung seit Dezember 2009 akzentuiert. Damals lag der Wechselkurs bei ca. 1.51 CHF, derzeit liegt dieser noch bei ca. 1.28 CHF. Damit ergibt sich für die betreffenden Leistungen der Güterbahnen rein währungsbedingt ein Ertragsrückgang von über 15 Prozent für eine ansonst unveränderte Transitleistung. Der starke Franken trifft die Schienengüterverkehrsbranche und speziell die stark im Transit tätigen Unternehmen SBB Cargo und BLS Cargo massiv und wird deren Unternehmensergebnisse im vergangenen wie auch im laufenden Jahr stark negativ beeinflussen. Dies ist umso gravierender, als die Unternehmen seit Ende 2008 mit umfangreichen Massnahmen die Nachfrageeinbrüche der Wirtschaftskrise in diesem Geschäft mit niedrigen Margen auffangen mussten. Damit ist der Spielraum für weitere Massnahmen auf der Kostenseite (Lokführer, Lokomotiven, Unterhalt, Infrastrukturbenützung) praktisch ausgeschöpft.

 

Verlagerungspolitik droht zurückgeworfen zu werden
Die Schienengüterverkehrsunternehmen werden bei dieser Ausgangslage nur über starke Preisanpassungen gegenüber dem Markt handeln können, wenn sie die heute nicht mehr vorhandene Wirtschaftlichkeit im Transitgüterverkehr wieder herstellen wollen.
Neben einer Verschlechterung der Beziehungen mit den Kunden droht dadurch eine Rückverlagerung von Güterverkehr von der Schiene auf die Strasse, da im internationalen Strassengüterverkehr deutlich geringere Kostenanteile in Schweizer Franken anfallen.

 

Kurzfristige Stützungsmassnahmen notwendig
Der VöV appelliert daher an die Politik und die Verwaltung, im Rahmen eines Stützungsprogrammes für die Schweizer Wirtschaft auch den Schienengüterverkehr angemessen zu berücksichtigen. Im Rahmen der für 2013 vorgesehenen Trassenpreisreform ist für ihn eine Entlastung bei den Trassenpreisen für den Güterverkehr zwingend. Auch hier dürfen Währungsentwicklungen und die Wettbewerbsfähigkeit der Preise von Infrastrukturleistungen im internationalen Kontext nicht ausser acht gelassen werden. Mittelfristig müssen diese an das europäische Niveau angepasst werden.

Nicht nur Exportwirtschaft und Tourismus, sondern auch der Schienengüterverkehr ist vom tiefen Eurokurs massiv betroffen. Die Gewerkschaft des Verkehrspersonals SEV befürchtet, dass Arbeitsplätze verloren gehen, wenn keine Änderung eintritt.

Der SEV stellt mit Enttäuschung fest, dass das Treffen von Wirtschaft, Gewerkschaften und Bund am letzten Freitag keine Resultate gebracht hat. «Wir machen uns Sorgen um Arbeitsplätze und die Verkehrsverlagerung», erklärt SEV-Präsident Giorgio Tuti. Gewerkschaftssekretär Philipp Hadorn, im SEV zuständig für den Güterverkehr, ergänzt: «Die Preise werden meist in Euro gemacht, die Kosten fallen aber weitgehend in Franken an. Das ist eine akute Gefährdung von Arbeitsplätzen in der Schweiz.»

Nachfragen des SEV sowohl bei SBB Cargo als auch bei BLS Cargo haben bestätigt, dass der Eurokurs den Bahnen grosse Probleme bereitet. So haben zwar die Leistungen wieder zugenommen und die Einbrüche aus den Krisenjahren weitgehend wettgemacht, aber der Ertrag hält nicht mit der Entwicklung mit. Falls die Bahnen die Preise an die Kosten anpassen müssten, wäre jedoch mit einer Rückverlagerung auf die Strasse zu rechnen. Das wäre politisch unerwünscht.

«Der SEV verlangt von Nationalbank und Bundesrat griffige Massnahmen, um den Wechselkurs von Euro und Franken wieder in ein angemessenes Gleichgewicht zu bringen», betont Giorgio Tuti. «Wir erwarten dabei, dass der Schienengüterverkehr gleichermassen einbezogen wird wie Exportwirtschaft und Tourismus!»

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