Werden Bahnhofbuffets in der Schweiz ausrangiert?

Der Glanz der Schweizer Bahnhofbuffets ist verblasst. Aus Mangel an Kundschaft laufen sie Gefahr, auf dem Abstellgleis zu landen – so auch im Kanton Bern. Jüngstes Beispiel ist das Buffet in Biel.

 

Von Klaus von Muralt - Der Bund

Sind Bahnhof Buffets wirklich auf dem Abstellgleis?                      Foto: Marcel Manhart

 

Bahnhofbuffets waren früher Orte, an denen vorzüglich diniert wurde, und wer dorthin essen ging, zog sich vorher um. Sie waren auch Orte der Begegnung: Liebespaare verlobten sich, Freundschaften und Geschäftsbeziehungen wurden geknüpft, Vereine gegründet und sogar Bundesratssitzungen abgehalten. Nicht von ungefähr spricht man ironisch vom «Bahnhofbuffet-Olten-Dialekt», wenn jemand einen Dialekt spricht, der keiner bestimmten Gegend mehr zugeordnet werden kann. Bahnhofbuffets waren in der Schweizer Gesellschaft fest verankert und trugen zu einem regen Ideenaustausch zwischen Menschen aus verschiedenen Landesteilen bei.

«Kaffee-Chrüter» und Chic
Hansruedi Haller denkt gerne an die Zeit ab 1966 zurück, als seine Eltern das Bahnhofbuffet Bern führten. Als junger Bursche sei er sehr beeindruckt gewesen von der einzigartigen Atmosphäre, die im grossen dreistöckigen – und auch dreiklassigen – Lokal geherrscht habe. Ganz früher gab es nämlich bei den SBB noch die Holzklasse, die dritte. Das Erstklass-Buffet durfte nur betreten, wer im Besitze eines Erstklassbilletts war. «Am spannendsten war es in den frühen Morgenstunden, wenn die Schienenarbeiter ihren ‹Kafi-Chrüter› tranken und der Bahnhof langsam zum Leben erwachte», sagt der 61-Jährige, der heute das Restaurant Dählhölzli leitet. Später habe er den Buffetbetrieb von den Eltern übernommen, zeitweilig bis zu 300 Mitarbeiter geführt und das Geschäft schliesslich im 2000 abgegeben.

Peter Krähenbühl, Sohn des Vorgängers von Hallers Eltern, wohnte neben dem Berner Bahnhofbuffet. Für ihn sei das Aufwachsen in einer solchen Umgebung ein Abenteuer gewesen. «In Keller und Estrich des Bahnhofbuffets habe ich mit meinen Freunden gespielt und dabei alle möglichen Dinge entdeckt», erinnert er sich. «Am liebsten haben wir uns in die Fasswagen gesetzt, die eigentlich zum Transportieren der hölzernen Weinfässer gedacht waren – sie waren mit Schienen unterlegt –, und sind damit durch die Gegend gesaust.» Für ihn hatte der ganze Bahnhof etwas Geheimnisvolles, das verloren gegangen sei.

1982 als Wendepunkt
Der entscheidende Wendepunkt in der Geschichte der Bahnhofbuffets war der 23. Mai 1982. Auf dieses Datum hin wurde in der ganzen Schweiz Taktfahrplan eingeführt. Halbstündige oder noch längere Wartezeiten auf einen Anschlusszug gehörten auf einen Schlag der Vergangenheit an; Ankunfts- und Abfahrzeiten der Züge lagen nun in einer eng berechneten «Anschluss-Spinne» von wenigen Minuten. Für ein Verweilen in den Bahnhofbuffets blieb kaum mehr Zeit. Den Buffets blieben oft nur noch die bierseligen Runden, die auf andere Gäste nicht nur anziehend wirkten.

In den folgenden Jahren stellte ein Pächter nach dem andern den Betrieb ein, und die Räumlichkeiten wurden anderweitig genutzt. Im SBB-Bahnhof Basel zum Beispiel übernahm die Migros das alte Bahnhofbuffet und machte daraus eine moderne Verkaufsfiliale, die «den heutigen Bedürfnissen der Zugreisenden besser gerecht wird», wie SBB-Mediensprecher Christian Ginsig sagt. Will heissen: Snacks zum schnellen Verzehr oder Mitnehmen sind die bevorzugten Verpflegungsmittel der Reisenden.

Biel muss erneut schliessen
Diese Tatsache wird dem Bieler Bahnhofbuffet schon zum zweiten Mal zum Verhängnis. Gerade erst vor zehn Monaten unter dem Namen Le Grand Comptoir neu eröffnet, schliesst es per 30. Juni bereits wieder. Der Geschäftsführer nennt den Gästemangel als Hauptursache für das schnelle Ende. SBB-Sprecher Ginsig sieht es ähnlich: «Für viele Pächter von Bahnhofbuffets lohnt sich der Betrieb nicht mehr, weil zu wenig Kunden da sind.» Die SBB legten Wert darauf, an allen Bahnhöfen ein einheitliches Angebot an Ess- und Trinkgelegenheiten zu offerieren, deshalb würden Ketten wie der Bretzelkönig gefördert. «Wir verfolgen das Ziel, dass sich die Zugreisenden in den SBB-Bahnhöfen ganz wie zu Hause fühlen», ergänzt Ginsig.

Langnau und Spiez als Trost
Im Kanton Bern werden derzeit noch Bahnhofbuffets in den SBB-Bahnhöfen Langnau und Thun sowie an den BLS-Bahnhöfen Spiez und Kandersteg betrieben. In Langnau wie auch in Spiez sind die Buffets vom aktuellen Bahnhofumbau betroffen. So wird in Langnau laut dem SBB-Mediensprecher die bisherige Betreiberfirma das Lokal weiterführen, allerdings an einem neuen Standort in der Nähe des Bushofes. Das Bahnhofbuffet Spiez – eines der letzten im Kanton im traditionellen Stil – wurde teilsaniert und ist wieder offen. BLS-Mediensprecher Michael Blum betont, dass Bahnhofbuffets einen Bahnhof «attraktiv machen» können. Die BLS dächten nicht daran, sie durch Geschäfte oder andere Nutzungsformen zu ersetzen.

Es braucht also immer drei Dinge, damit ein Bahnhofbuffet funktioniert: einen guten Wirt, einen Vermieter, der nicht nur auf Ertrag aus ist, und Gäste, welche das Restaurant aufsuchen.

 

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