Di

19

Jul

2011

Tarifmassnahmen im ÖV Schweiz: Einigung zwischen dem VöV und dem Preisüberwacher

Die Anfang Mai 2011 kommunizierten Tariferhöhungen im öffentlichen Verkehr per Dezember 2011 sind vom Preisüberwacher nach Verhandlungen mit dem Verband öffentlicher Verkehr (VöV) grösstenteils akzeptiert worden. In der nun einvernehmlich abgeschlossenen Vereinbarung verzichtet der VöV auf die Erhöhung einiger Kategorien der Generalabonnemente 2. Klasse («Junior/Studierende«, «Senior» und «Lernende»). Wie im Mai bekanntgegeben und somit unverändert bleiben die Preiserhöhungen bei den übrigen Pauschalfahrausweisen der 2. Klasse, namentlich des GA «Erwachsene»; sowie derjenigen der 1. Klasse. Aufschläge gibt es auch bei den Billetten und Tageskarten der 1. Klasse. Die durchschnittliche Preiserhöhung beträgt somit neu 1,2 statt der im Mai 2011 angekündigten 1,5 Prozent.

Teurer wird vorallem die 1. Klasse                                                 Foto: Marcel Manhart

 

Das stets verbesserte Angebot führt neben höheren Einnahmen auch zu steigenden Kosten, die über Mehrerträge gedeckt werden müssen. Deshalb hat die Branche des öffentlichen Verkehrs im Mai beschlossen, die Preise einzelner Fahrausweise auf den 11. Dezember 2011 zu erhöhen. Der Preisüberwacher hat diese Massnahmen einer näheren Prüfung unterzogen. Die anschliessenden Verhandlungen mit dem VöV konnten gestern mit einer einvernehmlichen Regelung abgeschlossen werden.

 

Wie bereits am anfangs Mai 2011 kommuniziert bleiben die Preise für Billette der 2. Klasse unverändert. Dies gilt mit der Einigung mit dem Preisüberwacher auch für drei GA-Kategorien der 2. Klasse: Die Unternehmen des öffentlichen Verkehrs verzichten auf die geplante Erhöhung des GA Junior/Studierende, des GA Senior sowie des GA Lernende. Die Preise werden hingegen in jenen Bereichen erhöht, in denen der Kostendeckungsgrad ungenügend ist. Dies ist insbesondere bei den Pauschalfahrausweisen und beim Normaltarif der 1. Klasse der Fall.

Die mit dem Preisüberwacher getroffene Vereinbarung führt bei den Transportunternehmen des öffentlichen Verkehrs zu Ertragsausfällen von rund 7,5 Millionen Franken. Diese Ausfälle stellen eine grosse Herausforderung dar. Damit die Leistungsfähigkeit des öV-Systems Schweiz erhalten bleibt, müssen alle Beteiligten ihren Beitrag an eine nachhaltige öV-Finanzierung leisten: Die Transportunternehmen selbst durch Effizienzgewinne, die öffentliche Hand und auch die Kundinnen und Kunden. Nur so lassen sich die steigenden Betriebskosten und die Investitionen in neues, leistungsfähiges Rollmaterial finanzieren.

 

Stellungnahme Pro Bahn Schweiz: Preiserhöhungen abgefedert

Die im Mai angekündigten Preisaufschläge der Transportunternehmungen haben keine Begeisterung ausgelöst. Dies gilt auch für Pro Bahn Schweiz, der Interessenvertretung der Kundinnen und Kunden des öffentlichen Verkehrs, welche sich gegen das Ausmass der vorgesehenen Massnahmen ausgesprochen hatte. Immerhin haben die mit dem Preisüberwacher durchgeführten Verhandlungen für einen Teil der Konsumentinnen und Konsumenten erfreuliche Resultate gezeitigt. Bei de Generalabonnementen 2. Klasse sind diejenigen Benutzerkategorien von den Erhöhrungen verschont geblieben, die das Generalabonnement nicht jeden Tag ausnutzen, wie dies Fernpendlerinnen und Fernpendler tun. Ebenso ist zu begrüssen, dass die Fahrausweise in der 2. Klasse keiner Erhöhung unterzogen werden.

1. Klasse – Enger und teurer

 Pro Bahn Schweiz erachtet es als verfehlt, bei den 1. Klasse Billetten Schadenfreude aufkommen zu lassen. Der Faktor der Klassenspanne wird von 1.6 auf 1.65 erhöht. Der Komfort wird aber nicht gesteigert, denn seit über zwanzig Jahren sind bei S-Bahn- und Regionalzügen pro Erstklassabteil acht Sitze vorgesehen, genau wie in der 2. Klasse mit dem Unterschied eines etwas grösseren Sitzabstandes. (Anordnung 2 + 2). Im Fernverkehr sind dies sechs Sitze mit der Anordnung 2 + 1. Auch bei den neuen Regionaltriebzügen müssen Erstklasspassagiere mit acht Sitzen pro Abteil vorlieb nehmen. Im Durchschnitt darf davon ausgegangen werden, dass ein Fünftel bis ein Viertel einer Bahnreise in den engen S-Bahn-Zügen und Regionalzügen zurückgelegt werden. In diesen Zügen ist vom um den Faktor 1,65 erhöhten Komfort wenig zu spüren. Somit darf diese Massnahme kritisch hinterfragt werden.

Tarifkannibalisierung bei den Gemeinde-Tageskarten eindämmen
Die Preiserhöhung bei den Tageskarten Gemeinden ist mit 8,8 % happig ausgefallen. Auf der andern Seite kann auf diese Weise eine Tageskarte bezogen werden, die weit unter den üblichen Preisen einer Tageskarte mit Halbtaxabonnement liegt. Gegenüber den Passagieren mit diesen Fahrausweisen stellt dies eine krasse Benachteiligung dar. Aus dieser Ueberlegungen heraus ist diese Massnahme verständlich.

 

Stellungnahme VCS: Bahnfahrende werden zur Kasse gebeten

Die Reisenden im öffentlichen Verkehr werden auf kommendes Jahr hin schmerzhafte Preiserhöhungen in Kauf nehmen müssen. Insbesondere die Preissteigerungen bei den Generalabonnementen (GA) überschreiten eine Schmerzgrenze: 8 Prozent mehr für ein GA 2. Klasse innert nur zwei Jahren sind zu viel. Der VCS Verkehrs-Club der Schweiz appelliert deshalb an den Bundesrat, die von ihm geplanten Preissteigerungen zu überdenken.

Die durchschnittliche Erhöhung der Billetpreise um 1,2 Prozent ist aus Sicht des VCS noch vertretbar. Der VCS ist sich bewusst, dass die Betriebe des öffentlichen Verkehrs unter finanziellem Druck stehen. Immerhin gelang es dem Preisüberwacher in den Verhandlungen mit dem Verband öffentlicher Verkehr und den SBB, Verbesserungen bei den GA für jüngere und ältere Leute zu erzielen.

Trotzdem sind die geplanten Preisaufschläge bei den GA äusserst problematisch. Das überaus beliebte GA 2. Klasse soll erneut 50 Franken teurer werden, nachdem es auf 2011 hin bereits um 200 Franken aufschlug. Damit würde der Preis des GA 2. Klasse innerhalb von zwei Jahren um acht Prozent in die Höhe klettern. Das 1.-Klasse-GA würde im selben Zeitraum gar um mehr als 10 Prozent teurer. Solche Preiserhöhungen entsprechen in keinerlei Weise der Teuerung und sind auch umweltpolitisch höchst problematisch.

Autofahren wird kaum teurer

 Denn es drohen weitere Tariferhöhungen: Der Bundesrat will für den Ausbau des Schienennetzes die Trassenpreise erhöhen, welche die Bahnen für die Benutzung der Infrastruktur zahlen. Diesen Betrag würden die Bahnen in den nächsten Jahren auf ihre Kundschaft abwälzen: Preissteigerungen von 10 bis 12 Prozent wären die Folge. Und auch hier dürften besonders die verschiedenen GA betroffen sein.

Es besteht deshalb die grosse Gefahr, dass wieder mehr Leute aufs Auto umsteigen. Dieses Risiko ist umso grösser, als das Autofahren kaum teurer wird: Der Bundesrat plant, den Benzinpreis um lediglich 7 bis 10 Rappen zu verteuern. Die Gesamtkosten fürs Autofahren stiegen damit um etwa 2 Prozent – und eine Einführung dieser Massnahme liegt noch in weiter Ferne.

Der VCS appelliert deshalb an den Bundesrat die geplante Erhöhung der Trassenpreise zu überdenken. Er wird sein Anliegen diesen Donnerstag mit der Einreichung der Protestkarten «ÖV-Passagiere als Milchkuh der Nation? Kommt nicht in Frage!» unterstreichen. Diese werden um 10.30 Uhr dem Eidg. Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation an der Kochergasse 10 in Bern übergeben.

 

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