Am Grenzbahnhof Chiasso hat sich einiges verändert

Chiasso ist der wichtigste Schweizer Grenzbahnhof mit Italien. Und doch hat seine Bedeutung für den Personen- und Güterverkehr in den letzten Jahren stark abgenommen.

 

Ein Augenschein von Gerhard Lob, swissinfo.ch

Die  Statue  "Italia e Svizzera" von der Bildhauerin Margherita Osswald Toppi aus dem Jahr 1933 in der Eingangshalle im Bahnhof Chiasso                       Foto: Marcel Manhart

 

"Chiasso capolinea – tutti scendono" schallt es aus dem Lautsprecher. Chiasso ist Endstation für diese S-Bahn. Alle müssen aussteigen. Früher trafen im Grenzbahnhof Chiasso praktisch stündlich auch nationale Züge aus der Deutschschweiz ein. Aber das sind Tempi passati! Fast alle ICN-Neigezüge fahren nur noch bis Lugano, die InterRegio IR von Zürich und Basel steuern mittlerweile Locarno an.

 

Wer nach Chiasso will, muss in der Regel umsteigen. Nur die Eurocity (Cisalpino) von Zürich nach Mailand und retour, die alle zwei Stunden verkehren, halten in Chiasso an. Dabei hätten die Triebzüge, die keinen Lokwechsel benötigen, eigentlich auch ohne Halt durchfahren sollen. Durch einen massiven Protest und die Blockade eines Cisalpino-Zuges erzwangen die Chiasseser Bürger 2009, dass in Chiasso wieder ein fahrplanmässiger Halt der internationalen Züge eingeführt wurde.

 

Die Geschichte ist symptomatisch. Denn sie zeigt, dass Chiasso seine Glanzzeiten als internationaler Grenzbahnhof längst hinter sich hat. Dies bestätigt sich auch bei einem Rundgang. Am langgestreckten Hauptgebäude blättert die Farbe, innen erstrahlen die Gänge zwar in einem knalligen Gelb-Grün. Doch alles sieht ein wenig verwaist aus. Der Wartesaal und die öffentlichen Toiletten: Eine Tristesse. Schilder warnen vor Taschendieben.

 

 

Zurück zu den Landvögten

 

Nur wenige Passagiere sind an diesem Vormittag unterwegs. In der gekachelten Unterführung weisselt ein SBB-Angestellter vom Putzdienst die Decke. Er trägt eine Leuchtjacke mit der Aufschrift RailClean. "Seit 30 Jahren arbeite ich hier, aber Chiasso ist längst nicht mehr, was es war: Niemand interessiert sich für uns", sagt er. "Nicht nur der Bahnhof ist vernachlässigt, schauen Sie sich doch mal die Stadt an."

 

Sein Chef steht daneben und stimmt zu. "Früher haben hier Hunderte von Leuten gearbeitet; die Züge wurden gesäubert und die Kompositionen neu zusammengestellt: Alles vorbei", sagt er mit hörbarer Resignation. "Heute werden wir von Bern regiert; wir sind in die Zeiten der Landvögte zurückgekehrt." Chiasso hat keinen eigenen Bahnhofsvorsteher mehr.

 

Zweifellos: Der Bahnhof Chiasso hat für den Personenverkehr, aber auch für den Güterverkehr stark an Bedeutung verloren. Bei den Güterzügen werden immer mehr ganze Zugkompositionen von Nord- nach Südeuropa verschoben. Die neue Zusammenstellung von Güterzügen im Rangierbahnhof an der Grenze braucht es immer weniger.

 

 

Asylbewerber und Schmuggler

 

Doch in anderer Hinsicht hat Chiasso an Bedeutung zugelegt. "Der Bahnhof ist ein Hotspot für illegal Einreisende und Asylbewerber", sagt Mauro Antonini, Chef des Tessiner Grenzwachtkorps, als er an diesem Morgen mit einigen Kollegen durch die Unterführung geht. "Ich bin auf Truppenbesuch!", lacht er mit einer gewissen Ironie. Und fügt dann ernsthaft an: "In Chiasso brauchen wir immer mehr Kräfte, denn 85 Prozent der illegalen Einreisen erfolgen hier, dazu kommt eine Zunahme von Schmuggel in den Zügen."

 

In der Tat sind Schweizer Grenzwächter in ihren blauen Uniformen neben dem SBB-Personal omnipräsent im Bahnhof. Seit die S-Bahn Tilo (Ticino-Lombardia) vom italienischen Como direkt über die Grenze bis nach Bellinzona fährt, müssen auch diese Wagen kontrolliert werden.

 

An diesem Morgen filzen die Grenzwächter eine solche S-Bahn. Sie führen einen jungen Mann schwarzer Hautfarbe ab und bringen ihn zur Kontrolle. Eine Besonderheit von Chiassos Bahnhof ist es, dass sich auf dem Perron zwischen Gleis 3/4 und 5/8 eine Zollstation Schweiz/Italien befindet. Ein System von Toren und Zäunen stellt sicher, dass Reisende im Transitverkehr auch den offiziellen Zoll benützen.

 

Auf der Südseite des Bahnhofs gibt es dann aber nochmals eine italienische Zollstation, hinter der die Regionalzüge nach Mailand verkehren – auf Gleis 13. Ein Schild "Milano" weist den Parcours durch den Zoll.

 

 

Schweiz und Italien umarmen sich

 

Trotz aller Veränderungen haben einige Dinge im Bahnhof Chiasso den Lauf der Zeit überlebt. Mitten in der Eingangshalle thront nach wie vor die Statue "Italia e Svizzera", welche die Bildhauerin Margherita Osswald Toppi 1933 aufgestellt hat, nachdem sie einen öffentlichen Wettbewerb der SBB für Kunstwerke im Bahnhof Chiasso gewonnen hatte. Die beiden Damen umarmen sich und symbolisieren eine Freundschaft der beiden benachbarten Völker – eine Freundschaft, die in den letzten Jahrzehnten in einer Krise steckt.

 

Über dem Hauptausgang auf Gleis 1 prangt hingegen das riesige Gemälde mit dem Titel "L’emigrante" (Der Emigrant) von Pietro Chiesa, der im gleichen Wettbewerb den Hauptpreis in der Sektion Malerei erhielt. Emigration – das war immer schon ein Thema für Chiasso. Früher wanderten die Chiassesi aus. Heute befindet sich das Empfangszentrum für Asylbewerber des Bundes nur wenige Minuten vom Bahnhof entfernt.

 

Der Bahnhof gehört den SBB und dem italienischen Netzbetreiber Rete Ferroviaria Italiana (RFI). Dies spürt man. In den langen Korridoren arbeiten Beamte von SBB und Trenitalia (FS) in direkt benachbarten Büros. Ein Schild zeigt auch den Eingang zum gemeinsamen Polizei- und Zollzentrum der Nachbarstaaten an, dem Centro Comune di Polizia e Doganale Chiasso (CCPD), das sich im ersten Stock des Bahnhofs befindet.

 

Migros statt Bahnhofsbuffet

 

Schon längst geschlossen ist das einst bekannte Bahnhofsbuffet Chiasso. Hier hat sich ein Migrolino-Laden eingenistet, der auch eine reiche Auswahl an alkoholischen Getränken bietet. "Das Geschäft läuft“, meint die Angestellte hinter der Kasse. Statt Buffet gibt es nur noch eine schlichte Bar namens "Sette e 48". Der Name bezieht sich auf eine wichtige Zugverbindung um 7.48 Uhr, die es aber längst nicht mehr gibt. Der Espresso ist hier günstig: 2,20 Franken.

 

Trotz abnehmender Bedeutung ist der Bahnhof Chiasso noch einigermassen lebendig. Die SBB-Schalter sind auch am Sonntag geöffnet, keine Selbstverständlichkeit für einen Tessiner Bahnhof. Eine gewisse Lebendigkeit strahlt an diesem Morgen auch ein Friseurladen aus, eine Neueröffnung im Bahnhof. Er wird von Dominikanerinnen gemanagt.

 

 

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