Interrail: Seit 40 Jahren mit der Bahn in Europa unterwegs

Trotz Pauschalreisen und billigen Flügen packen Jugendliche im Sommer ihren Rucksack und steigen in den Zug ein. In der 40-jährigen Geschichte von Interrail sind die Reisemotive weitgehend dieselben geblieben.

 

Ein Bericht aus der Neuen Zürcher Zeitung vom 30. Juli 2012

Eine Reise in den Norden ist auch bei den Interrailern beliebt       Foto: Marcel Manhart

 

 

Die Interrail-Bahnpässe gibt es seit 40 Jahren, lanciert wurde dieses «Generalabonnement für Europa» zum 50-jährigen Bestehen des Internationalen Eisenbahnverbandes. Ursprünglich sollte das Interrail-Ticket ein einmaliges Angebot bleiben.

 

«Eine Reise mit dem Zug war damals gleichbedeutend mit unendlicher Freiheit, man konnte selbst und spontan entscheiden, wo es hingehen soll, und musste nur einsteigen», sagt Christoph Krause aus Hombrechtikon. Bereits ein Jahr nach der Lancierung des Interrail-Bahnpasses hat er sich als 17-Jähriger in den Sommerferien mit einem Schulkollegen auf Entdeckungsreise gemacht, mit dem Zug sind die beiden durch Frankreich, England und Wales bis nach Schottland gefahren. 1981 folgte eine zweite Interrail-Tour, mit dem Velo durch Skandinavien. «Ein Velo ist genial, um eine Stadt zu erkunden. Überdies fiel auf diese Weise die Schlepperei praktisch weg.» Denn auf der ersten Reise trug Krause eine Campingausrüstung und Kochutensilien in seinem «Tramper-Rucksack» herum.

 

 

Zentral gelegene Bahnhöfe

 

Fast 40 Jahre später tut es ihm seine Tochter Nina gleich und unternahm zwei Interrail-Touren. Die erste führte sie 2009 nach Norddeutschland und Skandinavien, letztes Jahr reiste sie über Osteuropa in die Benelux-Staaten. Statt im Zelt zu übernachten, quartierte sie sich bei Einheimischen auf dem Sofa ein. Diese Art zu reisen nennt sich Couch-Surfing. «Eine Reise mit einem Interrail-Pass gehört für mich in einem Zwischenjahr nach der Matura dazu», sagt Nina Krause. Die Geschichten ihres Vaters über dessen Interrail-Erlebnisse hätten sie zusätzlich auf die Idee gebracht. «Ein Interrail-Ticket ermöglicht es einem, innert kurzer Zeit verschiedene Städte zu sehen.» Diese Art von Ferien sei nichts für Leute, welche am Strand liegen möchten. Dafür habe man die Chance, am Abend in einer Stadt in den Zug einzusteigen und am Morgen in einer anderen zu erwachen.

 

«Früher mussten wir noch nicht einmal einen Zuschlag bezahlen, um den Nachtzug benützen zu können», ergänzt Christoph Krause. Überdies könne man durch die Fahrt mit dem Nachtzug die verfügbare Zeit optimal nutzen. Allerdings war die Fahrt im Nachtzug nicht immer erholsam: «Wir kamen oft übermüdet an unserem nächsten Reiseziel an», erinnert sich Krause. Manchmal hätten sie auch an kleineren Bahnhöfen übernachtet. Ein Vorteil des Reisens mit dem Zug ist gemäss Krause die zentrale Lage von Bahnhöfen. «Anders als Flughäfen sind sie im Zentrum der Städte.» Dadurch seien neben Informationszentren für Touristen auch Einkaufsmöglichkeiten immer in der Nähe.

 

 

Reisen ohne Handy

 

Daneben waren Bahnhöfe aus einem anderen Grund wichtig für Interrail-Reisende: «Wir konnten uns nicht via Smartphone über die gültigen Fahrpläne informieren, dies war nur am Bahnhof möglich.»

 

Tochter Nina plante ihre Reisen auch nicht via Handy, das Internet spielte aber eine gewisse Rolle: «Zum Glück verfügen die meisten Jugendherbergen über einen Computer, so konnten wir im Voraus Einsicht in die Fahrpläne nehmen.» Nicht nur das Internet erleichterte die Interrail-Touren von Nina Krause, dank dem Euro brauchte sie vor allem auf ihrer zweiten Reise nur wenige verschiedene Währungen. Dieses Glück war ihrem Vater nicht vergönnt: «Die Beschaffung von Zahlungsmitteln war mühsam», sagt Christoph Krause. Jedes Land verfügte über eine andere Währung, und Kreditkarten hätten sie noch nicht besessen. Eines ist dagegen seit 40 Jahren gleich geblieben: «Es ist wichtig, rechtzeitig einen Platz im Zug für die Heimreise zu reservieren», weiss Nina Krause. Wer erst zurückfährt, wenn das Interrail-Ticket abgelaufen ist, muss tief in die Tasche greifen. «Ein einzelnes Billett quer durch Europa ist teuer.» Abgesehen davon sei Interrail auch im Zeitalter der Billigflüge eine preiswerte Art zu reisen.

«Der finanzielle Aspekt ist ein Grund für die Beliebtheit von Interrail», sagt Monika Bandi, Leiterin der Forschungsstelle Tourismus der Universität Bern. Jugendliche hätten nach wie vor viel Zeit und wenig Geld. «Deshalb funktioniert das Konzept von Interrail für diese Zielgruppe heute noch.» Das Angebot spreche vor allem Leute mit Reisemotiven wie Entdeckung, Risiko und Abenteuer an. «Für diese Zielgruppe hat sich eine Art Mythos um Interrail gebildet.»

 

Mittlerweile habe diese Form des Reisens Kultstatus, nicht zuletzt wegen der vielen Erfahrungsberichte. Bei der Lancierung der Bahnpässe habe die vermeintliche Einmaligkeit des Angebots eine Rolle gespielt. Für die Jugendlichen sei Interrail etwas gewesen, was man «jetzt oder nie» mache. Heute sei Interrail eine Gegenbewegung zum meist hektischen Alltag. «Der Trend geht in Richtung langsames Reisen und Entschleunigen.» Mit dem Zug könne man sich gemächlich seinem Ziel nähern.

 

 

Vom einmaligen Angebot zum Kassenschlager

 

Im Jahr 1972 lancierte der internationale Eisenbahnverband zu seinem 50-Jahr-Jubiläum das Interrailticket. Dieses sollte ein einmaliges Angebot sein und sich an Jugendliche unter 21 Jahren richten. Das Ticket war während eines Monats in 21 Ländern, inklusive DDR und Jugoslawien, gültig.

 

Vier Jahre später wurde die Alterslimite auf 23 und 1979 auf 26 Jahre erhöht. Es folgten diverse weitere Anpassungen, die Alterslimite wurde schliesslich ganz aufgehoben. Seit 2007 gibt es den Global-Pass und einzelne One-Country-Pässe, die jeweils nur in einem bestimmten Land gültig sind. Überdies gelten reduzierte Tarife für Kinder, Jugendliche unter 26 Jahren und Senioren. Sogar eine Fahrt in der ersten Klasse ist möglich, nicht jedoch für Jugendliche. Diese blättern für einen Monat freie Fahrt durch Europa 528 Franken hin. Die Bahnpässe sind für verschiedene Gültigkeitsdauern erhältlich.

 

Die SBB verkaufen vor allem von Juni bis August zahlreiche Interrailtickets. Im Jahr 2008 setzten die SBB 8261 Global-Pässe ab, 2011 waren es rund 1200 mehr. Eine weit grössere Zunahme verzeichnen die One-Country-Pässe, während 2008 16 506 davon abgesetzt wurden, waren es im Jahr 2011 deren 23 981. Gemäss Reto Schärli, Mediensprecher der SBB, liegen die Verkaufszahlen der Interrailpässe in diesem Sommer in einem ähnlichen Bereich.

 

 

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