Thema heute in der Sonntagspresse: Verpflegungsstände auf den Perrons und KISS-Züge im Fernverkehr

Die SBB wollen Perrons als Geldquelle erschliessen. Sie planen Take-aways zwischen den Geleisen – unter anderem in Zürich. Das stösst auf Kritik, weil viele Bahnhöfe heute schon an der Kapazitätsgrenze sind. Kritik trägt den SBB auch die Verwendung der KISS - Triebzüge (komfortabler innovativer spurtstarker S-Bahn-Zug) für den Fernverkehr ein.

Ein KISS-Triebzug als RegioExpress Chur - St. Gallen                    Foto: Marcel Manhart

 

 

SBB verdichten 1. Klasse - Sonntags Zeitung von Claudia Gnehm

 

Preislich erreicht die Premiumklasse der SBB immer höhere Sphären, beim Komfort geht es weiter abwärts. Dass der Sitzkomfort in der 1. Klasse im Fernverkehr nachlässt, hat einen einfachen Grund: Die SBB setzen neue sogenannte Dosto-Stadler- Doppelstockzüge ein. In diesen Zügen sitzen die Passagiere enger zusammen. SBB-Sprecher Christian Ginsig bestätigt: «Die SBB haben bisherige Fernverkehrslinien teilweise in Regionalverkehrslinien umgewandelt und setzen dort neu auch Züge des Regionalverkehrs ein, wo erstmals zweimal vier Personen in einem Abteil sitzen statt wie vorher zwei und vier.»

 

So konnten die SBB die Sitzplatzauslastung in der 1. Klasse um ein Drittel erhöhen. Dabei waren die Dosto-Züge ursprünglich für den Regionalverkehr gedacht. SBB-CEO Andreas Meyer sprach von «Rollmaterial für die Zürcher S-Bahn», als er im Juni 2008 den eine Milliarde schweren Grossauftrag für 50 Stadler-Doppelstockzüge bekannt gab.

Inzwischen fahren 48 dieser Dosto-Züge auf dem SBB-Netz. Seit dem letzten Fahrplanwechsel werden sie auch auf Fernverkehrsstrecken wie Bern-Olten, St. Gallen-Chur und Lausanne-Genf eingesetzt. 2010 bestellten die SBB weitere 24 Exemplare, die «ab 2015 zwischen Basel-Frick-Zürich, Bern-Biel und Bern-Olten rollen».

 

Gemäss Richtlinien des Internationalen Eisenbahnverbands (UIC) sind sechs Sitze pro Abteil für die 1. Klasse im Fernverkehr Standard. Der SBB-Sprecher relativiert: «Bei den UIC-Standards handelt es sich um Richtlinien für den internationalen Verkehr, selbstverständlich kann jede europäische Bahn ihre Fahrzeuge nach den örtlichen Gegebenheiten anpassen oder optimieren.» Laut Bundesamt für Verkehr sind die Wagen für diese Nutzung zugelassen.

 

Kurt Schreiber von Pro Bahn kritisiert: «Die SBB steigern die Platzauslastung in der 1. Klasse um ein Drittel, doch der 1.-Klasse-Zuschlag beträgt nach wie vor 70 Prozent.» Die SBB sähen keinen Anlass, die Preise der 1. Klasse zu reduzieren, sagt SBB-Sprecher Ginsig: «Der Abstand zum Sitznachbar in den Regio-Dosto-Zügen ist in der 1. Klasse tatsächlich kleiner.» Doch die Beinfreiheit bleibe weiterhin deutlich grösser als in der 2. Klasse.

 

Die Nivellierung der 1. Klasse nach unten findet aber nicht nur bei den Platzverhältnissen statt. Künftig sitzen alle Passagiere auf demselben Material. Die Ledersitze in der 1. Klasse werden durch Stoffbezüge ersetzt.

 

Fragt sich, wozu die Passagiere ein teures 1.-Klasse-Billett kaufen sollen? «Mit dem Aufschlag kaufen sie vor allem Ruhe und mehr Beinfreiheit», antwortet Ginsig. Der Mehrwert bei Fernverkehrszügen läge auch in Ruhewagen, Businesszonen und den Lounges für GA-Fahrer der 1. Klasse.

 

 

 

Auf den Perrons wird es enger - von René Donzé NZZ am Sonntag

 

Sandwiches, Snacks und Kaffee sollen demnächst auch die letzte bis heute noch verkaufsfreie Zone in den SBB-Bahnhöfen erobern. «Wir sehen vor, schweizweit in zehn bis zwanzig Bahnhöfen Perronverkaufsstände zu installieren», sagt SBB-Sprecherin Lea Meyer. Geplant sind Imbissbuden für die Reisenden und Pendler. Ein Test in Winterthur ist laut SBB positiv ausgefallen. Dort bietet in einer Glasbox zwischen den Gleisen 4 und 5 der Brezelkönig seit letztem November ein reduziertes Sortiment an Brezeln, Brötchen und Kaffee an. Beliefert wird der Satellit von der Filiale in der Bahnhofunterführung.

 

«Ertragszahlen und Kundenreaktionen zeigen, dass der Stand bei der Kundschaft gut ankommt», sagt Meyer. Genaue Umsatzzahlen geben weder die SBB bekannt noch die Valora-Gruppe, zu der die Kette gehört. Für die SBB, die umsatzabhängige Mieten einfordern, lohnt sich das Geschäft offenbar. Als Nächstes planen sie Verkaufsstände auf den Perrons der Bahnhöfe Basel, Zürich Hauptbahnhof, Olten, Yverdon und Biel. Ob dort wieder der Brezelkönig zum Zuge kommt, ist offen. Die SBB wollen nach eigenen Angaben einen möglichst guten Branchenmix erreichen und laden Interessenten ein, Offerten einzureichen.

 

 

Pro Bahn befürchtet Engpass

 

Valora hätte gleich mehrere Angebote, die auf die Perrons passten: Neben Brezelkönig-Satelliten kämen Ableger der Kaffee-Kette Spettacolo infrage. Mit dem Spettacolino hat Valora ein Kleinkonzept entwickelt, das sich in der Unterführung des Bahnhofs Zürich Oerlikon bewährt. Und ihre Kioske kann die Valora in jeglicher Grösse anbieten. Unternehmenssprecher Dominic Stöcklin will nicht konkret werden: «Valora beteiligt sich je nach Standorteignung mit kleinflächigen Konzepten an Ausschreibungen», sagt er. «An welchen Standorten und mit welchen Konzepten Valora Offerten einreicht, kommentieren wir nicht öffentlich. Deshalb sind weitere Informationen nicht spruchreif.» Laut SBB kommen als Mieter einzig Take-aways oder Food-Anbieter infrage. Die Reisenden sollen sich rasch verpflegen können – beim Umsteigen oder Warten auf den Zug: «Damit entsprechen wir einem Kundenbedürfnis», sagt Meyer.

 

Dies bezweifelt Pro Bahn Schweiz, die Interessenvertretung der Kundinnen und Kunden des öffentlichen Verkehrs. «Die Perrons sind dazu da, dass die Passagiere möglichst rasch Ein- und Aussteigen können. Sie sind sicher nicht dafür gedacht, ganze Marktbuden hinzustellen», sagt Pro-Bahn-Präsident Kurt Schreiber. Für ihn unverständlich ist diese Möblierung vor allem, weil viele Bahnhöfe zu Hauptverkehrszeiten ohnehin aus allen Nähten platzen.

 

Unlängst haben die SBB gemeldet, dass vielerorts die Kapazitätsgrenzen erreicht seien. Pendlerströme verstopfen Perrons, Treppen und Rampen. Und bis 2040 wird die Zahl der Bahnnutzer nochmals um bis zu 70 Prozent steigen, schätzen die SBB. In ihrem Netzzustandsbericht 2012 listen sie zwölf «kapazitätskritische» Bahnhöfe auf – das heisst, diese weisen Sicherheitsrisiken und Verspätungen wegen zu langer Haltezeiten auf. Auf dieser Liste stehen auch Basel und Olten, die nun für Perronstände vorgesehen sind. Walter von Andrian, Herausgeber der «Schweizer Eisenbahn-Revue», sagt: «Ich fühle mich im falschen Film. Da haben die SBB erst kürzlich Massnahmen angekündigt, um den Zugang zu den Zügen mit baulichen Massnahmen zu verbessern. Und nun wollen sie diese Perrons mit zusätzlichen Bauten verstellen.» Seit Freitag testen die SBB an Bahnhöfen im Laufental neue Signalisationen und bessere Fahrgastinformationen, um Staus abzubauen.

 

Stand darf nicht stören

 

Für die SBB stehen die Buden jedoch nicht quer in der Landschaft. «Die Sicherheit und ein störungsfreier Personenfluss müssen jederzeit gewährleistet sein», sagt Meyer. «Es dürfen rund um den Stand keine Staus entstehen.» In Winterthur wurde die Situation mit Kameras überwacht. Die Auswertung ergab, dass die Glasbox nur «geringen Einfluss» hatte auf die Verteilung der Personen. Die weisse Sicherheitslinie sei nicht häufiger übertreten worden als anderswo. Laut Meyer werden keine zentralen Bereiche verstellt. Die neuen Stände sollen am Perronanfang und -ende placiert werden. Im Herbst werden mit den Mietern Bauprojekte ausgearbeitet. Bis im Frühling sollten die ersten umgesetzt sein.

 

Einnahmen der SBB steigen stark

 

Für die SBB sind die Bahnhöfe schon lange mehr als nur Orte des Personen- und Güterumschlags. Sie vergolden ihre Liegenschaften im Zentrum des öffentlichen Verkehrs und der Städte mit Verkaufsflächen. Grössere Bahnhöfe bauen sie zu Einkaufszentren aus, die ständig erweitert werden. An anderen Orten schaffen sie Platz für Kaffeeketten, Take-aways und Shops.

 

Mit dem Ausbau steigen die Mieteinnahmen. Und da die SBB nebst fixem Mindestzins auch umsatzabhängige Abgaben verlangen, profitieren sie von den stetig steigenden Pendler- und Kundenströmen. Dank grosszügigen Ladenöffnungszeiten kaufen längst nicht mehr nur Bahnkunden im Bahnhof ein. Im Jahr 2000 betrugen die gesamten Mieteinnahmen der SBB noch 231 Millionen Franken, im letzten Jahr waren es bereits 379 Millionen. Nach Branchen gegliedert, tragen Lebensmittel- und Getränkeverkäufer 35 Prozent zum Umsatz bei, dann folgen Restaurants und Take-aways mit 22 Prozent. Wichtig sind weiter Gesundheits- und Körperpflegeprodukte (13 Prozent des Umsatzes) und Kioske (12 Prozent). Den Rest teilen sich Heimelektronik, Kleider, Bücher, Blumen und Weiteres.

 

Die SBB betonen, dass bei Vermietungen nicht nur die erwartete Rendite eine Rolle spiele: «Flächen werden nicht nur an die Meistbietenden vergeben», sagt Sprecherin Lea Meyer. Die Angebote müssten möglichst viele Bedürfnisse abdecken. «Es braucht beispielsweise auch bediente Restaurants, selbst wenn deren Flächenumsätze niemals an jene von kleinen Take-aways heranreichen», sagt sie.

 

Die SBB vermieten nicht nur Liegenschaften, sie planen auch Überbauungen und verkaufen einen Teil ihres Bestandes – allerdings nur noch zurückhaltend, weil die Wertsteigerung in den zentrumsnahen Gebieten gross ist. Die wollen sie selber abschöpfen. Die Mieterträge machten letztes Jahr rund 5 Prozent der SBB-Betriebserträge aus. Vom Gewinn der SBB-Immobilien von 192 Millionen Franken wurden 150 Millionen in die Infrastruktur investiert, der Rest in die Sanierung der Pensionskasse.

 

 

 

 

Bericht SRF Tagesschau vom 18. August 2013

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