So

21

Feb

2010

SBB-Mitarbeiter zockte müden Rentner ab

Ein Bahnreisender fühlt sich zu Unrecht als Schwarzfahrer abgestempelt.

Die SBB entschuldigen sich mit dem Hinweis, es sei in Missverständnis gewesen.

H. G. aus Ehrendingen kann nicht glauben, was ihm kürzlich widerfahren ist. Nach einer Schneeschuhwanderung im Schwarzwald wurde er im Zug nach Baden als Schwarzfahrer gebüsst: Völlig zu Unrecht, sagt der 70-Jährige.

Von Angelo Zambelli - Sonntag

 

Selbst SBB-Mediensprecher Roman Marti bezeichnet den Fall von H.G. als «sehr ungewöhnlich». Was war passiert? Nach einer Schneeschuhwanderung der Pro Senectute im Südschwarzwald will H.G. auf dem Bahnhof Döttingen umsteigen, um mit dem Bus nach Ehrendingen zu gelangen. Weil der Zug aus der Gegenrichtung den Weg zum Postauto versperrt, fährt dieses ab - ohne H.G. Der Schneeschuhwanderer ist genervt und will herausfinden, wann das nächste Postauto nach Ehrendingen fährt, findet aber keine entsprechenden Hinweise. Auf dem Zugfahrplan jedoch sieht er, dass demnächst ein Zug nach Baden fährt. Was liegt da näher, als den Umweg über Baden nach Ehrendingen auf sich zu nehmen, denn H.G, will nur eines: Am gleichen Abend noch nach Hause kommen.

Auf dem Bahnsteig entdeckt H.G. einen schwarz gekleideten, jungen Mann mit einem SBB-Logo auf dem Rucksack. H.G. erklärt die Situation und fragt, ob er mit seinem Billett, das ihn zur Hin- und Rückfahrt mit dem Postauto von Ehrendingen nach Döttingen und mit dem Zug nach Koblenz berechtigt, auch über Baden fahren könne. Der junge Mann bejaht und versichert, er werde den Zwischenfall mit dem verpassten Bus weiterleiten. Zu diesem Zweck müsse er ein Formular erstellen, das er ihm im Zug übergeben werde.

Nach dieser beruhigenden Aussage entwickelt sich die Geschichte völlig anders, als von H.G. gedacht. Nach kurzer Fahrt erscheint der junge Herr - ein Kontrolleur der SBB - bei ihm und erstellt das besagte Formular. «Auf meine Frage, ob ich einen Zuschlag zu bezahlen hätte, antwortete der junge Mann mit Nein», erzählt H.G. «Als er mir das Formular hinhielt, stutzte ich einen Moment. Weil ich von der Schneeschuhwanderung müde war und die Leserbrille im Rucksack steckte, unterschrieb ich mit der Bemerkung, dass ich ihm vertraue und das Formular nicht durchlese.» Erst am anderen Tag bemerkte H.G., dass seine Vertrauensseligkeit ein Fehler gewesen war. «Ich entdeckte, dass ich keinen Reklamations-Rapport, sondern einen Bussenzettel über 80 Franken unterschrieben hatte. Der SBB-Kontrolleur hat mich fies und vorsätzlich zum Schwarzfahrer gemacht, ohne dass ich dies bemerkte. Das nenne ich Vertrauensmissbrauch, wenn nicht gar Betrug.»

Beim geschilderten Vorfall handle es sich sich um ein Missverständnis, sagt SBB-Mediensprecher Roman Marti. «Unser Mitarbeiter vermeinte, den Kunden darauf hingewiesen zu haben, ein Zusatzbillett zu lösen.» Im Zug habe der Kontrolleur ein Zuschlagsformular ausgefüllt, um das Inkassocenter bezüglich Kulanz entscheiden zu lassen, wie dies auf der Rückseite des Formulars angegeben sei. Marti: «Wer dem Inkassocenter stichhaltige Gründe darlegen kann, muss keinen Zuschlag bezahlen. H.G. hat stichhaltige Gründe. Unser Inkassocenter wird sich bei ihm entschuldigen und den Zuschlag erlassen.» Marti weist mit Nachdruck darauf hin, dass dieser Entscheid vom Inkassocenter auch ohne Intervention des «Sonntag» gefällt worden wäre. Weder die SBB noch ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hätten ein Interesse daran, Kundinnen und Kunden unfreiwillig zu Schwarzfahrern zu machen. Kontrolleure seien weder umsatzbeteiligt, noch decke der Zuschlag von 80 Franken den Aufwand, den Reisende ohne gültigen Fahrausweis verursachen. Grundsätzlich, so Marti, sei Schwarzfahren unfair gegenüber der grossen Mehrheit der Reisenden, die mit einem gültigen Ticket unterwegs seien und ihren Beitrag an einen funktionierenden öffentlichen Verkehr leisten würden. «Im Sinne dieser Mehrheit verrichten unsere Kontrolleure und Kontrolleurinnen ihre nicht immer einfache, aber wichtige Aufgabe.»

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