Do

04

Mär

2010

Info-Offensive in Münchens U-Bahn- und Tramzügen

In Münchens U-Bahn- und Tramzügen beginnt ein neues Informationszeitalter: SWM/MVG statten ab der zweiten Jahreshälfte sukzessive nahezu alle Fahrzeuge serienmäßig mit einem neuartigen Informationssystem aus, das aus zwei Komponenten besteht: Fahrgastinformation und Infotainment.

Das neue Medium – oft verkürzt als Fahrgast-Fernsehen bezeichnet – stellt einen Quantensprung in Sachen Kundenservice dar: Es schließt Informationslücken während der Fahrt, insbesondere in der U-Bahn, macht die Nutzung des ÖPNV durch einen kurzweiligen Mix aus Nachrichten und Unterhaltung noch attraktiver, steigert damit die Qualität des MVG-Angebots – und letztlich die Kundenzufriedenheit. Rund 80 Prozent der MVG-Kunden sind mit U-Bahn und Tram unterwegs.

Simulation C-Zug                                                                                           Quelle: MVG

 

Fahrgastinformation während der Fahrt, auch dynamisch
Die U-Bahn- und Tramzüge werden mit insgesamt rund 2100 Doppelbildschirmen(= 4200 einzelne Monitore, U-Bahn: 1432 Doppelmonitore, Tram: 680 Doppelmonitore) ausgerüstet. Dabei ist jeweils der linke Monitor für die Fahrgastinformation reserviert, der rechte Monitor für das Infotainment. Die Monitore für die Fahrgastinformation zeigen ausschließlich fahrtbezogene Hinweise an. Dazu zählen der Linienverlauf mit Endstation, die nächste Haltestelle mit Umsteigemöglichkeiten und wichtigen Punkten wie Sehenswürdigkeiten, die Ausstiegsseite (bei der U-Bahn) und die Uhrzeit – ähnlich wie es dies schon jetzt in reduzierter Form in den neueren Bussen und Variobahnen gibt. Darüber hinaus sollen in der zweiten Ausbaustufe für wichtige Verknüpfungsbahnhöfe mit Tram, Bus und S-Bahn – erstmals in Fahrzeugen, also während der Fahrt von Haltestelle zu Haltestelle – dynamische Daten angezeigt werden. Dazu zählen zum einen minutengenaue Echtzeitinformationen über Anschlussmöglichkeiten an der jeweils nächsten Haltestelle. Zum anderen ist eine Tickerzeile in Form eines Laufbands vorgesehen, die das MVG-Betriebszentrum bei Bedarf aufschalten und online mit aktuellen Störungsinformationen versorgen kann. Vergleichbare Angebote kennen MVG-Kunden bereits seit Längerem von den Haltestellen (z. B. DFI-Anzeiger an der Oberfläche und elektronische Zugzielanzeigen an den UBahnsteigen) sowie von „MVG live“ im Internet.

Infotainment für unterwegs, immer aktuell
Die Monitore für das Infotainment zeigen einen bunten Mix aus tagesaktuellen Nachrichten, Hintergrundthemen, Unterhaltung und Werbung. Die Inhalte für diesen Teil des Fahrgastinformations- und Infotainmentsystems liefert ein privater Betreiber, die Berliner Fenster GmbH. Dieser erfahrene und leistungsstarke Anbieter wurde im Rahmen eines Interessenbekundungsverfahrens unter neun Interessenten ausgewählt. Die Berliner Fenster GmbH wird das „Münchner Fenster“, so der Name des Infotainment-Programms, als eigenständiges Medium mit hoher lokaler Kompetenz führen und selbst vermarkten. Zu diesem Zweck wird in München ein eigenes Studio aufgebaut. Dieses wird Sendeschleifen von rund 15 Minuten Dauer produzieren, die mehrmals täglich aktualisiert werden. Bildabfolgen und Textinformationen sind so integriert, das auf den Ton verzichtet werden kann.

80 Prozent Redaktion, 20 Prozent Werbung
Das Infotainment besteht aus mindestens 80 Prozent redaktionellem Inhalt (Nachrichten, Unterhaltung, Wissenswertes, MVG-Informationen) und bis zu 20 Prozent Werbung. Die inhaltliche Ausrichtung und Gewichtung
der Themen orientiert sich an den Interessen und Wünschen der Münchner Fahrgäste. Nachrichten aus der Landeshauptstadt, lokale Veranstaltungstipps und Münchner Themen werden daher breiten Raum einnehmen; 15 Prozent der redaktionellen Sendezeit wird die MVG mit ÖPNV-bezogenen Informationen (etwa zu Fahrplanänderungen, Sonderverkehren, besonderen Tarifangeboten, Freizeittipps usw.) füllen. Um eine hohe Qualität der redaktionellen Inhalte sicherzustellen, arbeitet das „Münchner Fenster“ auch mit führenden regionalen und überregionalen Nachrichtenanbietern zusammen.

Jeweils 4 Doppelbildschirme in 358 U-Bahnwagen
Die Ausrüstung der U-Bahn- und Tramzüge mit der für das neue Infosystem erforderlichen Technik beginnt in der zweiten Jahreshälfte; derzeit läuft die europaweite Ausschreibung der Technik. Bei der U-Bahn werden die neueren A-Wagen, die noch mindestens 10 Jahre in Betrieb bleiben (A2.5 und A2.6), sämtliche B-Wagen und die C-Züge ausgestattet, insgesamt rund 358 Wagen aus dem derzeitigen Bestand. Neue Züge, die die ältesten A-Wagen in den kommenden Jahren ablösen werden, werden bereits ab Werk mit dem Info-System ausgerüstet. Jeder Wagen bzw. Wagenteil erhält vier, mindestens 17 Zoll große Doppelbildschirme (Format 16:9), wobei immer zwei Doppelbildschirme in einem Korpus „Rücken an Rücken“ gemeinsam angeordnet werden.

Anzahl und Standorte der Bildschirme wurden so ausgewählt, dass die Einheiten von möglichst vielen Plätzen aus sichtbar sind, sich aber nicht aufdrängen. Eine Vollausstattung aller Fahrzeuge bei der U-Bahn kann nach heutigen Plänen bis 2014 realisiert werden. Der Zeitplan ist allerdings äußerst ambitioniert, weil diverse Abhängigkeiten zu parallel durchzuführend Einbauten bestehen. Die Züge erhalten gleichzeitig neben dem neuen Infosystem auch Kameras zur Videoüber- wachung, Brandschutzvorrichtungen, teilweise Zählgeräte für die Fahrgaststatistik und neue Bordrechner. Alle genannten Projekte bedingen einen mehr oder weniger großen Eingriff in den Fahrgastraum bzw. die Elektronik der Züge. Ein zeitgleicher Einbau bietet sich daher an, um Kosten, Aufwand und Standzeiten in der Werkstatt soweit wie möglich zu begrenzen.

Info-System auch für alle 102 Tramzüge
Bei der Trambahn werden nach jetzigem Planungsstand ebenfalls bis 2014 alle dann vorhandenen 102 Züge (R2.2, R3.3, Variobahn) mit den Doppelbildschirmen ausgestattet. Gleichzeitig wird auch bei der Straßenbahn der Videoeinbau fortgesetzt. Jedes Wagenteil soll jeweils eine Einheit mit zwei wie bei der U-Bahn angeordneten Doppelbildschirmen (12 oder 15 Zoll, je nach Zugtyp; Format 16:9)bekommen. Die dreiteiligen R2-Züge werden also mit 6 Doppelbildschirmen in drei Einheiten ausgestattet, die vierteiligen R3-Züge mit 8 Doppelmonitoren in 4 Einheiten. Bei der Variobahn sind bereits ab Werk 8 Doppelmonitore eingebaut.

Datenübertragung in die Fahrzeuge per Funk
Technisch realisiert wird die Überspielung der Fahrgastinformation und Infotainmentinhalte auf die Fahrzeuge bei der U-Bahn durch ein neues Funkübertragungssystem, das parallel zur Nachrüstung der Züge aufgebaut wird. Versorgt werden zunächst wichtige Knotenbahnhöfe im U-Bahnnetz sowie die Abstellanlagen der U-Bahn, um dort nachts die Überspielung größerer Datenmengen (z. B. Filme für das Infotainmentprogramm) auf die dann abgestellten Züge zu ermöglichen. Bei der Tram wird ebenfalls eine Lösung über Funkwellen vorbereitet. Für beide Verkehrsmittel gilt: Je weiter fortgeschritten der Ausbaustand, je mehr „Daten-Tankstellen“ es also im Netz gibt, desto schneller bzw. öfter kann eine Aktualisierung der Infotainmentinhalte erfolgen und an desto mehr Haltestellen ist eine Versorgung der Fahrzeuge mit Live-Daten zu Umsteigebeziehungen und Betriebslagen möglich.

Werbeeinnahmen fließen auch in ÖPNV-Angebot
Die Kosten für das Projekt liegen bei ca. 6,5 Millionen Euro, vorwiegend für die technische Ausrüstung der Fahrzeuge mit Bildschirmen. Für das Infotainment fallen auf Seiten von SWM/MVG keine Kosten an – im Gegenteil: SWM/MVG werden an den Einnahmen aus der Werbung beteiligt; Sie erhalten eine Pachtgebühr und sind am Umsatz des „Münchner Fensters“ beteiligt. Dies bedeutet: Das neue Medium leistet einen Deckungsbeitrag für den ÖPNV.

Herbert König, Vorsitzender der MVG-Geschäftsführung und SWM Geschäftsführer Verkehr: „Unser neues Fahrgastinformations- und Infotainmentsystem ist weit mehr als ‚Fernsehen in der U-Bahn’. Es handelt sich vielmehr um eine Mischung aus Fahrgastinfo, redaktionellen Beiträgen und Werbung, die letztlich auch einen Finanzierungsbeitrag leistet. Durch die dynamische Komponente ist das System nicht nur zeitgemäß, sondern innovativ. Besonders profitieren wird die U-Bahn als unser wichtigstes Verkehrsmittel, wo die Fahrgäste – auch Ortsfremde und fremdsprachige Touristen – bisher auf die deutschsprachigen Durchsagen der Fahrer, den Liniennetzplan und die Stationsschilder angewiesen sind.“

König weiter: „Professionelle Fahrgastinfo gehört heute zu den wichtigsten Qualitätsmerkmalen im ÖPNV und bestimmt wesentlich die Kundenzufriedenheit. Auch der ADAC-Test hat diesem Punkt hohe Bedeutung beigemessen und ihn in München positiv bewertet. Mit diesem Projekt bauen wir die Informationsqualität weiter aus. Mit der Berliner Fenster GmbH haben wir für den Infotainmentteil einen Partner gefunden, der über 10 Jahre Erfahrung verfügt und in der Berliner U-Bahn das größte Infotainment-Netzwerk im ÖPNV betreibt. Die Akzeptanz seines Programms in der Berliner U-Bahn ist sehr hoch. Durch die Zusammenarbeit mit einem Medienprofi und einer spezialisierten, München-kompetenten Redaktion wird eine hohe professionelle Qualität erzielt.“

Andreas Orth, Geschäftsführer Berliner Fenster GmbH: „In München wird unser Programm in der Endausbaustufe jeden Tag rund eine Million Fahrgäste in U-Bahn und Tram erreichen. Damit entsteht in München ein neues Massenmedium von überregionaler Relevanz. Die Qualität der Nachrichten steht dabei für uns an erster Stelle. Deshalb werden wir in München wie schon in Berlin mit starken Nachrichten-Partnern kooperieren. Die ersten Gespräche laufen bereits.“

74 Prozent sehen Fahrgast-TV positiv
Ein erster Versuch zur Einführung eines Infosystems in den U-Bahnzügen war bereits vor rund acht Jahren unternommen worden. Das damals geplante „U-info“ überlebte die Testphase allerdings nicht. Es scheiterte im Frühjahr 2003, weil der damalige private Partner der MVG Insolvenz anmelden musste, „U-info“ war im Dezember 2001 im Testbetrieb mit zwei Zügen und sechs Doppeltriebwagen gestartet. Eine Fahrgastbefragung hatte schon damals ergeben, dass 74 Prozent der MVG-Fahrgäste das neue Angebot positiv beurteilen. Mit dem neuen Programm wird die Informationsqualität wesentlich erweitert, weshalb die MVG erst recht mit einer entsprechend hohen Akzeptanz rechnet.

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