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25

Okt

2010

Die alltägliche Gewalt gegen SBB-Angestellte

Statt Billette zu lösen, bedrohen Schwarzfahrer die SBB-Mitarbeiter. Solche Angriffe sind die tägliche Realität – und nehmen in der Schärfe zu, warnt der Personalvertreter.

 

Von Simon Eppenberger - Tages Anzeiger

 

Sonntagabend, kurz nach 23 Uhr: Zwei Zugbegleiter haben einen jungen Mann ohne Billett erwischt. Im Hauptbahnhof steigen sie auf dem Perron der Gleise 21/22 aus. Statt eine Busse zu zahlen, will der Passagier mit seiner Freundin davonlaufen. Als ihn der SBB-Mitarbeiter zurückhalten will, wird der Mann aggressiv. Er stösst den Zugbegleiter mehrmals zurück, schreit ihn an und drückt ihn gegen die S-Bahn. Schliesslich kommt er ohne zu zahlen davon, wie eine Leserin von Tagesanzeiger.ch berichtet, welche die Szene mit ihrem Mobiltelefon aufgenommen hat.

Jüngst machten Angriffe auf Zugbegleiter im Zürcher Nachtnetz Schlagzeilen. Die SBB-Mitarbeiter wurden so stark bedroht, dass sie die Nachtzuschläge nicht mehr kontrollieren oder eintreiben konnten. Wie das Video nun zeigt, sind aber nicht nur betrunkene Horden auf den Nachtzügen aggressiv, sondern bereits einzelne Schwarzfahrer.

Täglich ein massiver Angriff
«Übergriffe sind Tag und Nacht im ganzen Zug- und Bahnnetz ein Problem», sagt Peter Moor, Mediensprecher der Verkehrsgewerkschaft SEV auf Anfrage. Die Statistik zeigt: An jedem Wochentag wird im Durchschnitt ein Zugbegleiter der SBB so stark angegriffen, dass er am Tag danach nicht arbeiten kann. Hinzu kommen unzählige weniger massive Angriffe. Eine Erhebung in der Westschweiz kam zum Schluss: Alleine im Kanton Waadt meldeten SBB-Mitarbeiter in einem Jahr 2000 Vorfälle.

«Zugbegleiter müssen mit dem Risiko leben, jederzeit angegriffen werden zu können», sagt Moor. Die Anzahl Angriffe sei zwar auf einem hohen Niveau konstant. «Doch die Grenzen verschieben sich nach oben. Die Schärfe der Aggressionen hat zugenommen», so Moor weiter. Obwohl die Zeit, in denen die Bahnpolizei zugreifen kann, verkürzt wurde, ist das Problem «absolut nicht gelöst». Die Verkehrsgewerkschaft sieht darin jedoch kein Problem der Bahn, sondern der Gesellschaft. Immerhin sind Tätlichkeiten gegen Bahnpersonal seit kurzem keine Antrags-, sondern Offizialdelikte. Das heisst, solche Taten werden von Amtes wegen und nicht erst bei einer Anzeige verfolgt.

 

 

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Trotz gestiegener Passagierzahlen wurden im ersten Halbjahr 2010 deutlich weniger Nachtzuschläge gelöst als im Vorjahr. Der ZVV sieht die Schuld bei den Zugbegleitern.

An den Frequenzen kanns nicht liegen: Im ersten Halbjahr 2010 ist die Zahl der Passagiere, die auf dem Nachtnetz des Zürcher Verkehrsverbunds (ZVV) unterwegs sind, weiter gestiegen. Dennoch sind deutlich weniger Nachtzuschläge verkauft worden.

ZVV-Sprecherin Beatrice Henes spricht gegenüber «20 Minuten» von «mehreren Hunderttausend Franken» tieferen Einnahmen gegenüber der Vorjahresperiode. Die Ausfälle sind beträchtlich: In der ersten Hälfte des Jahres 2009 brachte das ZVV-Nachtnetz rund 3 Millionen Franken ein, wie Henes auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch konkretisiert. In diesem Jahr gingen die Einnahmen jedoch um fast 500'000 Franken, auf 2,5 Millionen zurück.

«Wenn die Mindereinnahmen Ende Jahr gegen eine Million gehen, dann können wir das nicht einfach so wegstecken», sagt Henes. Ein Angebotsabbau stehe derzeit nicht zur Diskussion, für den ZVV bestehe nun aber «akuter Handlungsbedarf» bei den Kontrollen. Neuste Zahlen zeigten ganz klar, dass die Kontrollintensität im Nachtnetz nachgelassen habe.

Kritik an Zugbegleitern
Haben die Zugbegleiter kapituliert? Das Personal wolle einerseits die Nachtzuschläge abschaffen, andererseits würden weniger Passagiere kontrolliert, sagt Henes. «Deshalb müssen wir davon ausgehen, dass gewisse Mitarbeiter ihren Job nicht mehr seriös machen.» Der ZVV hat die SBB, bei der die Zugbegleiter angestellt sind, auf das Problem hingewiesen. Erwartet wird nun, dass die Bahn intern dafür sorgt, dass die Kontrolleure auch kontrollieren. 

Eine Verbesserung erhofft sich der Verkehrsverbund ausgerechnet von einem neuen Sicherheitskonzept, das bei den Zugbegleitern auf heftige Gegenwehr stösst. Neu sollen Züge ab 21 Uhr nicht mehr flächendeckend begleitet werden, wohl aber die Nachtzüge. «Wir werden vermehrt Schwerpunktkontrollen machen», kündigt ZVV-Sprecherin Henes an. Diese von den Passagieren weniger leicht durchschaubaren Stichproben sollen für eine tiefere Schwarzfahrerquote sorgen.

Um den Nachtzuschlag ist ein Streit zwischen dem ZVV und dem Zugpersonal entbrannt. Laut Gewerkschaft sind die Vorwürfe, das Personal kontrolliere unseriös, nicht belegt.

Der Zürcher Verkehrsverbund ZVV wirft den Zugbegleitern in den S-Bahnen vor, die Kontrollen auf dem Nachtnetz nicht seriös durchzuführen. Das führe zu massiven Rückgängen bei den Einnahmen. Der ZVV befürchtet, dass ihm bis Ende Jahr bis zu einer Million Franken entgehen, weil die Nachtschwärmer deutlich mehr Schwarzfahren.

«Dieser Vorwurf ist nicht belegt und stört uns deshalb massiv», sagt Regula Bieri, Regionalsekretärin bei der Gewerkschaft des Verkehrspersonals SEV. «Es ist anmassend und undifferenziert, wenn der ZVV den Rückgang der Einnahmen auf das Personal zurückführt», sagt Bieri weiter. Das Personal machte weiterhin einen guten Job und erledige seine Aufgaben gewissenhaft, obwohl der ZVV die Funktion der Zugbegleiter abschaffen will.

Gegenüber Tagesanzeiger.ch sagt ZVV-Sprecherin Beatrice Henes, man erwarte nun von der SBB, dass ihre Zugbegleiter auch tatsächlich Kontrollen durchführen. «Es kann zwar sein, dass die Zugbegleiter in der Nacht vermehrt mit Fällen aufgehalten werden, in denen Passagiere kein gültiges Billet haben und deshalb nicht den ganzen Zug kontrollieren können.» Dass die Arbeit jedoch nicht seriös gemacht wird, weist Bieri weit von sich.

Um die Probleme auf dem Nachtnetz zu lösen, verlang der SEV, den Nachtzuschlag abzuschaffen und in den Fahrpreis zu integrieren. Die Vorwürfe des ZVV will das Personal nicht einfach so hinnehmen. Wie man darauf reagiert, will der SEV nächste Woche entscheiden. Dann kommt das Aktionskomitee der Zugchefs S-Bahn (ZUS) zusammen, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden.

Die Zugbegleiter wollen den Nachtzuschlag abschaffen – aus Sicherheitsgründen. Die Ostschweizer Regionalbahn Thurbo verfolgt eine andere Strategie.

Die Zugbegleiter strecken die Waffen. Der Schweizerischen Eisenbahn- und Verkehrspersonal-Verband (SEV) will den Nachtzuschlag von 5 Franken ersatzlos streichen. Der Grund: Immer wieder kommt es in den S-Bahnen, die nach 1 Uhr unterwegs sind, zu Konflikten zwischen Billetkontrolleuren und Nachtschwärmern, die ohne gültigen Zuschlag unterwegs sind.

80 Franken Busse sind nicht nur vielen Passagieren, die mit Billet, aber ohne Nachtzuschlag unterwegs sind, zu viel. Auch mehrere Leser von Tagesanzeiger.ch würden nicht den Zuschlag abschaffen, sondern den Zugang dazu erleichtern: «Da alle Nachtzüge begleitet sind, könnten die Kontrolleure auch den Zuschlag verkaufen», schlägt Markus Rotkopf vor. Inklusive des üblichen Zuschlags von 10 Franken für den Billetverkauf im Zug ergäbe das dann einen Preis von 15 Franken «und wohl ein paar rote Köpfe weniger.»

Genau diesen Weg wählt die Ostschweizer Regionalbahn Thurbo. Neben dem Nachtzuschlag-Verkauf über Automaten und SMS besteht in den Thurbo-Zügen die Möglichkeit, beim Bahnpersonal zu lösen. Diese Dienstleistung kostet 10 Franken. Bussen von 80 Franken stellt Thurbo nur aus, wenn Passagiere ohne gültigen Fahrausweis unterwegs sind. Bei Grossveranstaltungen, wenn nicht nur die üblichen Nachtschwärmer per Zug nach Hause fahren, geht Thurbo noch weiter: Das Personal fragt an der Zugtür nach dem Nachtzuschlag und stellt bei Bedarf gleich ein Ticket aus.

Weniger Aggressionen im Zug
Diese Dienstleistungen sollten helfen, das Aggressionspotential zu vermindern, erklärt Mediensprecher Gallus Heuberger. «Das funktioniert so weit gut.» Dass Thurbo Nachtzuschläge verkauft statt Bussen auszustellen, wirkt sich laut Heuberger auch positiv auf die Gemütslage der Fahrgäste aus: «Bestimmt gibt es damit weniger Auseinandersetzungen, als wenn die Passagiere 80 Franken Busse bezahlen müssten.»

Auf den Nachtzuschlag gänzlich zu verzichten, steht in der Ostschweiz derzeit nicht zur Debatte. Der Obulus sei nötig, um das Angebot zu finanzieren, erklärt Heuberger. «Ohne diese 5 Franken müssten unsere Besteller einspringen, also die Kantone, und damit letztlich der Steuerzahler.»

Für eine Familie wurde die Zugfahrt zum Albtraum, als randalierende Fanhorden einsteigen. Die SBB bedauern den Vorfall – wehren sich aber gegen den Vorwurf, ihre Leute hätten aus Angst gekniffen.

Samstag, 9. Oktober, 22 Uhr. Familie W. (Name der Redaktion bekannt) fuhr nach einem Ausflug im Interregio nach Zürich zurück, als in Zug gleich hordenweise Fans des EHC Kloten einstiegen. Der Klub hatte gerade das Spitzenspiel gegen den EVZ gewonnen, dementsprechend aufgekratzt war die Stimmung. Ihr Wagen sei von aggressiven und alkoholisierten Fans regelrecht gestürmt worden, sagt Frau W. «Es gab kein Entrinnen. Wir wurden grundlos beschimpft und massiv bedroht.»

Während der Fahrt lief die Situation völlig aus dem Ruder. Die Fans rissen die Verschalungen der Beleuchtung herunter, immer wieder ging das Licht aus, die kleinen Kinder der Familie W. weinten vor Angst. Ein Mitreisender, der eingreifen wollte, bekam zur Antwort: «Halt s Muul, susch haued mir dir i d Frässi.»

Sie wüteten im ganzen Zug
Frau W. hat ihre Erlebnisse in einem Leserbrief geschildert. Nicht zur Freude der SBB. Denn die Familie machte für die missliche Lage auch die Bahn verantwortlich. Weit und breit sei auf ihrer «Höllenfahrt» kein Kondukteur anzutreffen gewesen. Auch einen Alarmknopf habe man vergebens gesucht. Dafür seien demselben Zug in Zürich fünf bewaffnete Bahnpolizisten entstiegen. «Sie erklärten, sie hätten Kenntnis gehabt von den Ausschreitungen in unserem Wagen», sagt Frau W. «Aufgrund der prekären Situation hätten sie sich aber nicht getraut einzuschreiten.»

Ein Vorwurf, den die SBB nicht auf sich sitzen lassen wollen. Denn für sie ist es das höchste Gut, dass sich die Fahrgäste in ihren Zügen sicher fühlen. Die Bahn hat deshalb den Fall rekonstruiert und das eingesetzte Personal befragt. Resultat: Die SBB bestätigen die Randale. Die Eishockeyfans hätten aber nicht nur im fraglichen Wagen, sondern fast im gesamten Zug gewütet. Der Sachschaden wird auf mehrere Tausend Franken beziffert. «Wir bedauern die unhaltbare Situation für die Familie sehr», sagt Mediensprecher Daniele Pallecchi. «Wir weisen aber mit aller Entschiedenheit den Vorwurf zurück, unsere Bahnpolizisten hätten sie im Stich gelassen.» Hätten diese gewusst, dass sich Fahrgäste bedroht fühlen, wären sie sofort eingeschritten.

Kräfte bündeln und Lichtschalter schützen
So war tatsächlich ein Team der Transportpolizei – alles ausgebildete Polizisten – vor Ort. «Sie mussten ihre Kräfte im Wagen bündeln, in dem die Randale am schlimmsten war und sich der Lichtschalter für den ganzen Zug befand.» Die Eishockeyfans hätten dort besonders stark gewütet. Pallecchi: «Für die Fahrgäste ist es äusserst unangenehm, nachts in einem stockdunklen Zug zu fahren.» Daher konnten die Sicherheitsleute auch nicht durch den Zug patrouillieren.

Warum kein Zugbegleiter aufgetaucht ist, können die SBB nicht sagen. Klar sei aber, dass in einer solch aufgeheizten Situation nicht ein Einzelner einer ganzen Gruppe gegenübertrete. Und dort liegt für die SBB die Wurzel des Problems: Die Bahn kann bisher nicht verhindern, dass gewalttätige Eishockey- und Fussballfans einfach einen Regelzug entern, in dem auch normale Fahrgäste sitzen. Im vergangenen Mai verlangte deshalb das Unternehmen, seine Transportpflicht für randalierende Fangruppierungen aufzuheben.

Stattdessen sollen sogenannte Charterzüge eingeführt werden: In Zukunft sollen Klubs und Fanklubs die Züge ordern – und auch alle Schäden übernehmen, die auf der Fahrt entstehen. Diese müssen bisher die SBB tragen. Allein in der letzten Fussballsaison beliefen sich die Kosten für aufgeschlitzte und herausgerissene Sitze, verdreckte Abteile und eingeschlagene Scheiben auf drei Millionen Franken. Der Ball liegt jetzt bei der Politik.

Täter am Perron abfangen
Kurzfristig haben die SBB ein Treffen mit der Polizei vereinbart, um Vorfälle wie den geschilderten besser meistern zu können. Pallecchi: «Es geht uns darum, die Leute gleich am Perron in Empfang zu nehmen und auch zur Rechenschaft zu ziehen, die in unseren Zügen randaliert haben.» Der Zürcher HB ist Hoheitsgebiet der Kantonspolizei.

Der SBB-Sprecher rät Fahrgästen, die in eine bedrohliche Lage kommen, den Zugbegleiter zu informieren. Klappe das nicht, könne man über 0800/117 117 direkt die Bahnpolizei alarmieren. «Im Fall von Familie W. hätte sich die Situation innert Minuten geklärt.»

Dass Gewalt gegen SBB-Mitarbeiter an der Tagesordnung ist, ist für viele Tagesanzeiger.ch-Leser unhaltbar. Doch eine Minderheit findet, dass das SBB-Personal selber schuld sei, wenn die Situation eskaliert.

Die Mehrheit der Leser von Tagesanzeiger.ch waren schockiert, als sie vergangenen Freitag das Video der Auseinandersetzung zwischen SBB-Angestellten und einem Schwarzfahrer gesehen haben. «Für keinen Lohn auf dieser Welt würde ich die Arbeit eines Zugbegleiters übernehmen», schreibt etwa Klaus Schlegel. Und Max Andre fragt rhetorisch: «Was gibt dem jungen Mann das Recht, den Zugbegleiter zu bedrohen, anzugreifen, gar zu verletzen?» Thomas W. bringt wohl auf den Punkt, was viele über die zunehmende Gewaltbereitschaft denken: «Ich kann gar nicht mehr sagen als: beängstigend.»

Doch nicht alle teilen diese Meinung: «Was für eine dumme Idee, einen bereits wütenden Mann noch anzufassen und zu verfolgen. Daraus hätte eine wesentlich gefährlichere Situation entstehen können», meint etwa Michel Koller. Max Kuhn ist sogar der Meinung, dass die Aggression nicht selten von den SBB-Angestellten selbst ausgehe. Er habe schon beobachtet, «dass SBB-Angestellte teilweise als erste handgreiflich werden». Noch weiter geht Alexandra Munzinger: «Dass sich der Passagier gegen den Übergriff des Möchtegern-Polizisten wehrt, ist eine rechtmässige Reaktion.» Dass der Mann beim Schwarzfahren erwischt wurde, kümmert die Leserin offenbar wenig.

Tagesanzeiger.ch-Leser fordern Massnahmen
Die meisten Leser sind jedoch einhellig der Ansicht, dass Gewalt gegen SBB-Personal nicht toleriert werden darf. Und sie schlagen folgende Massnahmen vor, um die Situation zu entschärfen: 
- Kameras in jedem Abteil und verstärkte Präsenz der Bahnpolizei (Alessandro Meier)
- Kontrolleure durch Sicherheitspersonal begleiten lassen (Bernie Hodler) 
- Pfefferspray für Zugbegleiter (Alex Meier)
- Bussen zwischen 1000 und 10'000 Franken im Wiederholungsfall (Nora Martinek)
- Check-in-Zone wie am Flughafen, Einlass nur mit Ticket (Christian Schenk)

Weitere Stimmen sind allerdings der Meinung, dass der Ball nicht einzig bei der SBB liegt, sondern auch bei Bürgern, die Zeuge solcher Übergriffe werden. «Einfach traurig, dass sich eine Menschentraube darum bildet und niemand angreift.» Und Frederick König hofft, «dass einer der glotzenden ‹Zuschauer› der Polizei angerufen hat.»

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