Do

10

Feb

2011

ÖBB Südbahnstrecke: Teurer Wechsel von links nach rechts

Auf der Südbahn wird künftig rechts gefahren – obwohl ein internes Gutachten klar dagegen ist. Laut ÖBB sei die Umstellung notwendig, weil es ansonsten im Bereich Wien zu „Kapazitätsengpässen“ kommen würde.

 

Von Jakob Zirm - Die Presse

 

Auf der Strasse kennt der Kontinentaleuropäer Linksverkehr meist nur von Urlauben in Grossbritannien. Auf der Schiene sieht das jedoch noch anders aus. Da wird in einigen Ländern (Deutschland, Ungarn, Tschechien) vornehmlich rechts gefahren, in anderen (Italien, Schweiz, Belgien) fahren die Züge jedoch grossteils auf der linken Seite. Und in vielen Ländern wird auf der Schiene sowohl links als auch rechts gefahren – dazu gehört auch Österreich.

Den Viehchern an der Südbahnstrecke dürfte es egal sein...          Foto: Marcel Manhart

 

Hierzulande fahren die ÖBB auf der Süd- und Nordbahn links, auf der West- und Ostbahn aber rechts. Bisher kein großes Problem, da es kaum Schnittstellen zwischen diesen Strecken gab. Ab 2012 wird das jedoch anders. Dann verbindet der Lainzer Tunnel und in weiterer Folge der Wiener Hauptbahnhof die beiden wichtigsten Strecken: Die West- und die Südbahn. Und ab dann soll auch auf der Südbahn – vorerst nur bis Gloggnitz im südlichen Niederösterreich – rechts gefahren werden.

Laut ÖBB andernfalls Kapazitätsengpässe
Die Umstellung sei notwendig, weil es ansonsten im Bereich Wien zu „Kapazitätsengpässen“ im Zugverkehr kommen würde, heißt es bei den ÖBB. Die Züge müssten dann nämlich „ausgekreuzt werden“ – also über Weichen von einem Gleis auf das andere wechseln. Die Kosten für die Umstellung beziffern die ÖBB mit 16Mio. Euro. Der Großteil davon entfällt auf das Legen neuer Gleise bei zwei Bahnhöfen (Brunn-Maria Enzersdorf und Baden). Knapp drei Mio. Euro kosten das Wechseln der Hinweisschilder und Maßnahmen „zur Verbesserung des Kundenkomforts“ entlang der betroffenen Strecke. Die Signalanlagen sind hingegen schon seit Längerem auf beidseitigen Betrieb ausgerüstet. Eine aus betrieblicher Sicht notwendige Ausgabe also.

Etwas anders liest sich die Sache in einem von den ÖBB eigens bei der Schweizer Infrastrukturberatungsfirma Basler+ Partner in Auftrag gegebenen Gutachten vom Dezember 2008, das der „Presse“ vorliegt. Demnach müssten bei einer Umstellung auf den Rechtsverkehr entlang der gesamten Südbahn nicht nur zwei, sondern 88Bahnhöfe umgebaut werden. Der Grund dafür ist, dass die meisten Bahnhöfe im südlichen Niederösterreich so gebaut sind, dass es in Richtung Wien lange Bahnsteige und große Wartehäuser gibt, da hier die Pendler in der Früh auf die Züge warten. In die Gegenrichtung gibt es nur kurze Bahnsteige und kleine oder gar keine Wartehäuser. Bei einem Wechsel des befahrenen Gleises müsste dies angepasst werden. Und dieser Umbau dürfte wesentlich höhere Kosten verursachen als die Weichen für das „Auskreuzen“ zwischen West- und Südbahn, so die Gutachter.

Aber auch aus betrieblicher Sicht sieht man bei Basler+Partner keine Vorteile durch den Wechsel von links nach rechts. So könnten die Züge zwar von Westen kommend durch den Lainzer Tunnel in den Hauptbahnhof einfahren, ohne zuvor „auskreuzen“ zu müssen. Dafür gäbe es durch den Rechtsverkehr an vielen anderen Stellen in Wien und Niederösterreich plötzlich Probleme. Die negativen Auswirkungen bei einer Beibehaltung der derzeitigen Fahrordnung seien daher „in Umfang und Anzahl geringer als bei einem einheitlichen Rechtsverkehr“, schreiben die Gutachter. Sie empfehlen daher eine „Beibehaltung der Fahrordnung wie heute“.

Kosten von bis zu 200 Mio. Euro?
Über die Kosten des Wechsels auf den Rechtsverkehr macht das Gutachten zwar keine genauen Angaben. Laut Eisenbahn-Experten liegen sie aber deutlich über den von den ÖBB offiziell genannten 16Mio. Euro. „Die Umstellung bedeutet Kosten in dreistelliger Millionenhöhe“, meint etwa Alfred Horn, Chefredakteur des Fachmagazins „Eisenbahn Österreich“. Er bezieht sich auf „ÖBB-interne Schätzungen“, in denen Zahlen von bis zu 200Mio. Euro kursieren sollen. Offiziell bestätigen wolle dies aber keiner der betroffenen Bahn-Mitarbeiter.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0