Do

22

Apr

2010

DB in Aalen: Das ist eine echte Service-Wüste

Die automatischen Türen im Reisezentrum der Deutschen Bundesbahn bleiben in Aalen sonntags geschlossen. Vor allem kleine und mittelgroße Bahnhöfe sind von den Personaleinsparmaßnahmen betroffen. In Aalen fragen wir am Sonntagvormittag, wie es den Bahnreisenden damit geht.

 

Von Sibylle Schwenk - Schwäbische Post

Ein Hauch von Fernweh liegt in der Luft. Menschen mit großen oder kleinen Reisetaschen, mit einer Tüte vom Bäcker oder einer Zeitung in der Hand wandern durch das Aalener Bahnhofsgebäude. Manche studieren die Fahrpläne, aus dem Lautsprecher tönt die Durchsage: „Achtung am Gleis eins, die RB Donauwörth steht bereit!“.


Das Bremsen eines Zuges quietscht in den Ohren. Vor den Fahrkartenautomaten am Gleis steht Michael Martin aus Radolfzell und schüttelt ungläubig den Kopf. „Das gibt‘s doch nicht“, murmelt er vor sich hin, „ich will jetzt bitte meine Fahrkarte bezahlen“. Also noch mal von vorne. Gute fünf Minuten braucht er schon, bis das Ticket da ist.


„Ich fahre ja regelmäßig mit dem Zug“, berichtet Michael Martin, „aber mit dem Automaten da komme ich echt nicht zurecht!“ Früher habe es Nummern gegeben für jede Fahrstrecke, jetzt muss er sich durch einen „Dschungel an Fragen“ kämpfen. „Ich kaufe meine Fahrkarten einfach lieber am Schalter“, erzählt der junge Mann, „das ist doch das reinste Kasperletheater.“

Besonders für ältere Menschen natürlich. Die kommen mit der wirklich nicht ganz leichten Menüführung, die durch die weite Angebotsspanne beim Fahrkartenkauf abzuarbeiten ist, einfach nicht klar.


Wir starten einen Selbstversuch. „Fahrkartenkauf Schritt für Schritt“ verspricht mir die Touchscreen am Automaten. Und dann geht das Frage-Antwort-Spiel los. „Ein Erwachsener, ein Erwachsener mit eigenen Kindern (was ist, wenn die Oma mit den Enkeln reist?), wählen sie die Bahncard, inklusive oder exklusive ICE, mit oder ohne Rückfahrt, die Abfahrtszeiten, Fahrplanausdruck ...“


Nein, nein, nein, eigentlich will ich nur nach Heidenheim. Der Automat spuckt den Fahrplan aus. Aber wie kann ich jetzt die Fahrkarte bezahlen? „Genau hier hängt‘s“, weiß der Senior Willi Ilg aus Aalen. „Bis zur Bezahlung schaffe ich es einfach nicht“. Deshalb sei es für ihn eine Katastrophe, dass der Fahrkartenschalter sonntags jetzt zu ist. Eine Zeitlang habe die Bahn Schulungen für Senioren zum Fahrkartenkauf am Automaten angeboten. „Das ist doch ein Witz, wenn man dafür geschult werden muss!“, schimpft Willi Ilg.


Auch die junge Yvette Schulz aus Schwäbisch Gmünd ist nicht glücklich über die sonntägliche Schließung. Davon, dass die Pressestelle der Bahn diese damit begründet, dass der Online-Ticket-Verkauf immer mehr zunehme, will sie nichts wissen. „Man hat doch nicht dauernd das Internet zur Hand“, meint sie und außerdem seien Fahrplanänderungen oder Verzögerungen jetzt einfach nicht mehr zu erfahren.


„Natürlich wollte ich auch nicht gerne sonntags arbeiten, aber eine gewisse Flexibilität erwarte ich von einem Unternehmen wie der Deutschen Bundesbahn schon“, sagt Schulz. Noch dazu ärgert sie sich, dass man bei Kurzstrecken am Automaten nur Einfachbuchungen vornehmen könne.


Die Tür zum Bahnhofsgebäude geht ständig auf und zu. Es ist ganz schön was los am Aalener Bahnhof am Sonntagmorgen. Eine Familie mit zwei Kindern will nach Pforzheim fahren. Der kleine Sohn fingert erfahren mit seinem Kuli auf dem Touchscreen. Der Vater gibt Anweisungen. Hinter ihnen warten drei Männer mittleren Alters aus Reutlingen darauf, dass sie an den Automaten können. Zuvor hatten sie kopfschüttelnd Richtung geschlossenem Reisezentrum geschaut.


„Das ist eine echte Service-Wüste hier“, ärgert sich einer der Männer. Zum Glück weiß der Freund Bescheid und kennt sich am Automaten aus. „Aber wenn sie beispielsweise das Wochenendticket buchen wollen, dann müssen sie erst mal diesen ganzen Wust da durchlesen“, weiß der Fahrkartenkäufer. Die Aalener Familie, die nach Pforzheim reisen will, ist noch nicht weitergekommen. Sie stehen gut schon eine Viertelstunde am Automaten. Zum Glück hilft ihnen der Reutlinger Fahrgast. „Vielen Dank!“, freut sich der Familienvater. Und dieses „Danke“ kam ganz direkt, von Mensch zu Mensch.

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