Christian Laesser: Der Unterschied der Klassen ist zu gering

Die 1. Klasse ist Opfer ihres eigenen Erfolges: Trotz überfüllten Abteilen ist sie wenig rentabel. Verkehrsexperte Christian Laesser rät zu mehr Komfort und teureren Abos. Laesser ist Leiter des Research Centers Tourismus und Verkehr an der Uni St. Gallen und betreut Forschungsprojekte der SBB.

 

Von A. Hirschberg - 20 Minuten Online 

 

Noch nie hatte die 1. Klasse einen so hohen Zulauf wie heute. Verkommt sie langsam zu einer besseren zweiten?
 

Christian Laesser:

Derzeit ist die 1. Klasse im Vergleich zur 2. relativ günstig. Sprich: Der Preisunterschied ist eher gering. Das führt dazu, dass die 1. Klasse einen prozentual sehr hohen Zulauf hat. In Zukunft sollte die Preisschere zwischen den beiden Klassen stärker auseinander gehen. Die erste Klasse soll an Wert gewinnen, mit dem Risiko, dass ein Teil der bisherigen Kunden abspringt.

 

 

Erstklassigen Service  gibt es in der "Premium Class"  im ÖBB-Railjet  von  Zürich  nach  Wien                                            Foto: Marcel Manhart

 

 

Wird das 1.-Klasse-GA also jedes Jahr 200 Franken teurer?
Die Tendenz sollte wohl eher in Richtung Teil-Abo-System gehen. Das Generalabo schafft den falschen Anreiz, möglichst viel Zug zu fahren. Es findet eine Übernutzung statt durch Personen, die jeden Tag Langstrecken pendeln. Darum sollten die Bestrebungen dahin gehen, Abos zu schaffen, die nur an einem Teil der Tage im Jahr im ganzen Netz gültig sind. Während der restlichen Zeit würden sie beispielsweise nur auf regionalen Strecken gelten.

Wie lässt sich das kontrollieren?
Das ist noch Zukunftsmusik. Mit so genannten Smart Cards, die beim Einsteigen abbuchen, könnte das in sechs bis zehn Jahren möglich sein.

Das heisst, man will nicht besonders viele, sondern lieber gut zahlende 1.-Klasse-Reisende?
Es macht sicher mehr Sinn, das Preisspektrum auszureizen und die Leistungen der Komfortklasse vermehrt zu differenzieren. Beim Fliegen wird das ja schon sehr stark gemacht. Hier kosten die Tickets der teureren Klassen sieben bis zehn mal mehr.

Aber dort ist auch der Service besser
Die Leistungen der 1. Klasse wird man künftig klarer positionieren müssen. Das heisst, es muss Mehrwert geschaffen werden. Für Leute unterwegs ist alles wichtig, was Stress wegnimmt. In der Umsetzung könnten dies Loungezugang, Zeitersparnis, Extraschalter oder separate Telefonnummern für die Reservierung oder den Billetkauf oder auch ein Kaffee und ein Gipfeli am Morgen und ein Wasser am Nachmittag sein.

Das klingt nach Premiumklasse, wie es sie im Ausland auf längeren Strecken gibt 
In der kleinräumigen Schweiz ist so etwas wohl nicht machbar. Die Strecken sind zu kurz und der Aufwand wäre zu gross. Man muss bedenken, dass für so einen Premium-Wagen, etwa an der Spitze des Zuges, ein anderer Wagen fehlt. Ausserdem verkompliziert ein Spezialgefäss das gesamte Handling der Zugsklassen und -angebote.

Und wo bleibt die 2. Klasse, lässt man die einfach links liegen?
Die 2. Klasse profitiert von den deutlich günstigeren Preisen. Dafür wird in den 2.-Klass-Abteilen die grosse Masse transportiert. Diesen Nachteil müssen die Reisenden in Kauf nehmen. Bisher war der Preis-Unterschied vielleicht zu wenig deutlich, was 2.-Klass-Passagiere verärgerte. Das wird sich wohl ändern müssen.

Heisst das, in Zukunft wird noch öfter der Zugang zur 1. Klasse versperrt?
Die 2.-Klass-Reisenden sollten sich nicht in der 1. Klasse aufhalten, das besagen die Tarifbestimmungen der schweizerischen Transportunternehmen. Einstiegsflächen, Gänge und Sitze der 1. Klasse sind ausschliesslich den Reisenden dieser Klasse vorbehalten. Halten sich die Passagiere nicht daran, sollte das Zugspersonal Massnahmen ergreifen.

Ist Einsteigen bei der 1. Klasse auch bei Zeitmangel verboten?
Wahrscheinlich schon, aber vielleicht sollte man da eine Ausnahme machen. Schliesslich haben die Leistungsträger im öffentlichen Verkehr eine Beförderungspflicht.

 

Der ÖBB-Railjet mit "Permium Class"                                              Foto: Marcel Manhart

 

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